Der Tempietto Longobardo wurde um die Mitte des 8. Jahrhunderts auf Initiative von Astolfo, dem Herzog von Friaul und späteren König, sowie seiner Frau Giseltrude errichtet. Er gilt als das bedeutendste und besterhaltene architektonische Zeugnis dieser Epoche. Die auch als Oratorium Santa Maria in Valle bekannte Anlage befindet sich im Stadtteil Borgo Brossana in Cividale del Friuli. Ursprünglich entstand der Bau als Pfalzkapelle am Sitz der Gastaldie, dem Regierungssitz und der Residenz des Stadtherrn. Als das Areal für die Benediktinerinnen in das Kloster Santa Maria in Valle umgewandelt wurde, gliederte der Komplex auch die nahe gelegene Kirche San Giovanni in Valle und den Tempietto ein, der dadurch seinen marienbezogenen Namen erhielt. Im Juni 2011 wurde die Anlage als einer von sieben Orten der UNESCO-Welterbestätte „Die Langobarden in Italien. Orte der Macht“ in die Welterbeliste aufgenommen, da sie langobardische Motive, karolingische und ottonische Formen sowie klassische Vorbilder perfekt vereint. Jüngste archäologische Ausgrabungen haben zudem gezeigt, dass das frühmittelalterliche Bauwerk auf noch älteren Strukturen aus spätantiker und frühchristlicher Zeit steht.
Sehenswertes
Von außen zeigt sich das Gebäude äußerst schlicht und lässt kaum erahnen, wie prächtig das Innere gestaltet ist. Der Hauptraum besteht aus einem quadratischen Saal mit einem geräumigen Kreuzgratgewölbe, an den sich ein etwas niedrigeres Presbyterium anschließt. Letzteres ist durch vier Doppelsäulen sowie zwei rechteckige Pfeiler in drei Räume mit parallelen Tonnengewölben unterteilt und wird durch die Schranke einer Ikonostase vom Saal getrennt. An der Rückwand des Saals, nahe dem reich verzierten Portal, das einst in das Kloster führte, befindet sich eine hölzerne Empore aus dem 15. Jahrhundert.
Das unbestrittene Meisterwerk des Tempietto erwartet dich an der ehemaligen westlichen Eingangswand, wo außergewöhnliche Stukkaturen und Fresken das Bild prägen. Die Lünette über der Tür ist von Rankenwerk mit Weintrauben eingerahmt; in ihrer Mitte zeigt sie Christus zwischen den Erzengeln Michael und Gabriel, flankiert von einem mit Märtyrern bemaltem Freskenband. Darüber verläuft ein durchbrochener Rankenfries mit Rosetten, in denen ursprünglich Glasperlen saßen. Auf der oberen Ebene, die sich frei über die Fenster legt, stehen sechs monumentale Heiligenfiguren als Stuckreliefs, die hervorragend erhalten sind. Ihre Gewänder verlaufen in geraden, byzantinisch inspirierten Falten, bestechen jedoch durch klassische Plastizität und eine starke vertikale Betonung durch die langen Tuniken. Die Stuckdekoration war ursprünglich teilweise farbig gefasst, blieb an den Seitenwänden jedoch unvollendet. Während die einstigen Mosaike der Apsis heute vollständig verloren sind, haben sich Fragmente mehrerer Freskenzyklen erhalten.
Der Besuch
Heute befindet sich der Komplex auf dem Gelände des Ursulinenklosters, die einst den Benediktinerinnen folgten. Der heutige Zugang zur Anlage, die sich mittlerweile im Besitz der Gemeinde befindet, führt vom Kreuzgang aus durch ein altes Holztor. Für den Rückweg nimmst du eine spätere Ergänzung: Eine Passage, die steil über dem Fluss Natisone liegt, führt dich zur Sakristei und zu einem Nebeneingang in der Wand des Presbyteriums. Abgenommene Freskenfragmente der Kapelle kannst du sowohl in der Sakristei als auch im Museo Cristiano des Doms bewundern.
Tipp der Redaktion
Achte einmal genau auf die Rosetten, die den Stuckfries über der Lünette einrahmen: Stell dir vor, wie das Licht im 8. Jahrhundert gefunkelt haben muss, als in diesen Vertiefungen noch die ursprünglichen Glasperlen saßen – ein kostbares Detail, das der heute verlorenen Farbigkeit der Skulpturen strahlenden Glanz verlieh.