🏛️ Plätze und Altstädte

Boccadasse

📍 Genova, Ligurien · 77/100

Im Jahr 1915 verhinderte der hartnäckige Widerstand der Anwohner den Ausbau der neuen Genueser Uferpromenade. So konnte der Asphalt des Corso Italia die dicht an den Strand geschmiegten, pastellfarbenen Häuser nicht verschlingen. Diesem Volksaufstand verdankt Boccadasse sein unversehrtes städtebauliches Bild. Die Ursprünge dieses historischen Ortskerns reichen der Legende nach bis in das Jahr 1000 zurück, als spanische Fischer unter Kapitän De Odero – auf den der weit verbreitete örtliche Nachname Dodero zurückgehen soll – während eines Sturms in der Bucht Zuflucht fanden. Bis 1873 bildete die Siedlung einen entlegenen Teil der ländlichen Gemeinde San Francesco d'Albaro, heute markiert das Fischerdorf die östliche Grenze des Genueser Stadtteils Albaro. Über die Herkunft des Namens wird bis heute gestritten: Er könnte vom genuesischen „bocca d'âze" abstammen, was auf die Eselsmaulform der Bucht anspielt, oder vom Bach Asse, der einst die alten Waschplätze (die „treuggi") speiste, bevor er ins Meer mündete. Auch der mittelalterliche Grundbesitzer Guglielmo Boccadassino kommt als Namensgeber infrage. Man vermutet sogar, dass das berühmte Viertel La Boca in Buenos Aires, wo genuesische Auswanderer 1882 für kurze Zeit die Repùblica de la Boca ausriefen, seinen Namen diesem Ort verdankt.

Sehenswertes

Das Herz von Boccadasse schlägt auf der Piazza Nettuno, die direkt an die kleine Kiesbucht grenzt und von hell gestrichenen Häusern umrahmt wird. Am Eingang des Viertels ragt die Pfarrkirche Sant'Antonio di Padova empor, die Anfang des 18. Jahrhunderts von Seeleuten erbaut und am 25. März 1894 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Im Inneren befinden sich Skulpturen von Francesco Storace und Antonio Canepa sowie zahlreiche hölzerne Schiffsmodelle, die als Votivgaben an den Wänden hängen. Hinter der Kirche liegt der nach dem genuesischen Dichter Edoardo Firpo benannte Aussichtspunkt, der anlässlich des G8-Gipfels im Jahr 2001 neugestaltet wurde; eine Gedenktafel erinnert dort mit den ersten Zeilen seines Gedichts „Boccadâze" an ihn. Vom Platz aus gelangst du über eine Treppe oder durch die Via Aurora – einen traditionellen ligurischen Backstein- und Pflasterweg, bekannt als „crêuza" – hinunter ans Wasser. Ein weiterer schmaler Pfad steigt nach Osten zum Capo di Santa Chiara an, einem Aussichtspunkt, der das Viertel von Vernazzola trennt. Auf der Anhöhe thront das Castello Türcke, ein Bauwerk im mittelalterlichen Stil mit guelfischen Zinnen, das 1903 vom Architekten Gino Coppedè entworfen wurde. Das Gebäude lässt sich über eine Zugbrücke betreten und erweist mit seinen Formen bewusst dem Palazzo Vecchio in Florenz die Ehre. Gegenüber steht die Villa Montebruno, ein historischer Herrensitz, der im Laufe der Zeit den Familien Caviglia und Perosio sowie dem deutschen Konsul Leupold gehörte.

Der Besuch

Boccadasse ist nach wie vor ein lebendiger Ort, an dem die Fischer täglich ihre Netze auswerfen, während sich drumherum Eisdielen, Restaurants und Kunstgalerien aneinanderreihen. Am 13. Juni feiert die Gemeinschaft ausgiebig das Patronatsfest des heiligen Antonius. Auch der Fußball prägt die lokale Identität tief: Auf einem Felsen in der Bucht weht dauerhaft die Fahne des Genoa CFC, und seit den 1970er-Jahren verleiht der Fanclub „Genoa Club Patiti Rossoblù" hier die Auszeichnung „Scoglio d'Oro". Doch nicht nur an Land gibt es Vieles zu entdecken: Das Küstenmeer davor gehört als Natura-2000-Schutzgebiet zum europäischen Netz. Unter Wasser erstrecken sich Seegraswiesen aus Posidonia oceanica und Korallenformationen, in denen Seepferdchen heimisch sind. Auch kulturell hat das Viertel Spuren hinterlassen: In der Salita Santa Chiara wohnte der Cantautore Gino Paoli, der sich hier zu seinem Hit „La gatta" inspirieren ließ und 2004 zusammen mit Ornella Vanoni das Lied „Boccadasse" aufnahm. Die Prog-Rock-Band Il Tempio delle Clessidre ließ sich ebenfalls von der Bucht inspirieren, und im Lied „Trilli-trilli" zieht das Musiker-Duo I Trilli die Bewohner von Boccadasse humorvoll als „tarlucchi" (Einfaltspinsel) im Vergleich zu den Leuten aus Foce auf. In der Literatur wählte Andrea Camilleri diesen Ort als Heimat von Livia, der Verlobten des Commissario Montalbano. Nach einem ersten Anlauf der lokalen Pro Loco im Jahr 2016 reichte die Stadtverwaltung im Jahr 2018 erneut die Bewerbung ein, um das Fischerdorf in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufnehmen zu lassen.

Tipp der Redaktion

Folge der crêuza, die hinauf zum Platz am Capo di Santa Chiara führt: Von dieser erhabenen Position direkt unter der imposanten Kulisse des Castello Türcke schweift dein Blick weit über den östlichen Teil von Genua, umfasst den Golfo Paradiso und reicht bis zur Halbinsel von Portofino.

Genova entdecken

Die ganze Gemeinde: Guide, Orte, Küche und Veranstaltungen.