Am 23. Januar 1938 seilte sich der Höhlenforscher Franco Anelli in eine 60 Meter tiefe Schlucht ab und entdeckte dabei ein 3348 Meter langes Karstsystem, dessen Ursprünge 90 bis 100 Millionen Jahre zurückreichen. In der Oberkreide lag das heutige Apulien unter einem von Weichtieren wimmelnden Meer; aus ihren organischen Überresten entstand die mächtige Sedimentationsschicht, die als calcare di Altamura bekannt ist. Als das Land vor 65 Millionen Jahren aus dem Wasser stieg, bildeten sich in dem starren Gestein tiefe Risse. Regen- und Flusswasser drangen ein und wuschen ein unterirdisches Canyon-Grundwassersystem aus, das heute eine maximale Tiefe von 122 Metern erreicht. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts gab es mit dem Einheimischen Vincenzo Longo einen ersten Erkundungsversuch, der jedoch schon nach wenigen Metern endete. Erst Anelli kartierte den Komplex auf Einladung des Fremdenverkehrsamtes der Provinz Bari und mit Unterstützung des Arbeiters Vito Matarrese. Die Erforschung ist bis heute nicht abgeschlossen: 2006 förderte eine umfassende Säuberung des Abgrunds von Fluss- und Infrastrukturschutt Hinweise auf noch unentdeckte unterirdische Gänge zutage.
Sehenswertes
Den Auftakt der Höhlenwelt bildet die Grave, der einzige Raum mit einer Verbindung nach draußen. Dieser gewaltige Schlund – 100 Meter lang, 50 Meter breit und 60 Meter tief – wird durch eine von Steineichen gesäumte natürliche Öffnung erhellt. Ein Sonnenstrahl trifft auf die Stalagmitengruppe der „Ciclopi“, die an Meeresgiganten erinnern, während die Südwände und moosbedeckten Säulen in ständiger Dunkelheit bleiben. Der Weg führt weiter durch Höhlenräume mit bildhaften Namen: Über die Caverna Nera, deren Wände durch den endemischen Pilz Scolecobasidium anellii schwarz gefärbt sind, gelangst du zum Cavernone dei Monumenti – ein Raum von solcher Weite, dass Anellis Acetylenlampe die Decke nicht ausleuchten konnte. Es folgen außergewöhnliche Formationen wie die Calza (eine Stalaktite in Form von Damenstrümpfen), die Caverna della Civetta und der Corridoio del Serpente. Hinter der Caverna del Precipizio führt die lange Route weiter durch den Corridoio del Deserto, einen unterirdischen „Grand Canyon“ ohne Tropfsteine, der durch Eisenminerale rötlich schimmert. Dahinter warten die Caverna della Torre di Pisa mit ihrem schiefen Stalagmiten an einem kleinen Tropfwassersee, der Corridoio Rosso und die Caverna della Cupola. Rund 1500 Meter von der Grave entfernt öffnet sich durch eine kleine Alabasterpforte schließlich die Grotta Bianca. Sie wurde 1940 von Matarrese entdeckt; zwei mächtige Säulen stützen ihre Decke, umrahmt von blendend weißen, lichtdurchlässigen Tropfsteinen. 1952 nannte sie der italienische Staatspräsident Luigi Einaudi „die schönste der Welt“. In diesem isolierten Ökosystem leben zudem spezialisierte endemische Arten wie der Pseudoskorpion Hadoblothrus gigas, die Asseln Murgeoniscus anellii und Castellanethes sanfilippoi sowie fünf verschiedene Fledermausarten.
Der Besuch
In den Höhlen herrscht eine gleichbleibende Temperatur von 18 °C. Sie sind ganzjährig geöffnet, ausgenommen am Ersten Weihnachtsfeiertag und an Neujahr. Du kannst zwischen zwei Routen wählen: einer kurzen Rundtour von einem Kilometer (50 Minuten) und einer dreikilometrigen Kompletttour (zwei Stunden). Im Sommer werden auch nächtliche Führungen angeboten. Der ursprüngliche Zugang zur Grave per Abseilen wurde durch Treppen und Aufzüge ersetzt. Über Tage empfängt dich das Museo Speleologico Franco Anelli, das 2000 in einem 1952 vom Architekten Pietro Favia entworfenen Gebäude eröffnet wurde. Die Einrichtung wird von der 1971 gegründeten Vereinigung Gruppo Puglia Grotte betrieben, beherbergt das Centro di Documentazione Speleologica Pugliese „Franco Orofino“ und seit dem 9. Dezember 2015 auch einen 3D-Multimediaraum. Angebunden ist der Komplex direkt über den Bahnhof Grotte di Castellana an der Bahnstrecke der Ferrovie del Sud Est.
Tipp der Redaktion
Achte bei deiner Tour besonders auf die sogenannten „Speckscheiben“ (fette di pancetta) – hauchdünne Alabasterschichten, die im Gegenlicht durchscheinend wirken. Ebenso faszinierend sind die exzentrischen Stalaktiten: Diese Gebilde trotzen der Schwerkraft, indem sie waagerecht oder in geschwungenen Mustern wachsen. Dieses Phänomen entsteht, weil ihr zentraler Röhrchen-Kanal weniger als einen Millimeter dick ist; das Wasser kristallisiert dadurch seitlich aus, beeinflusst von Luftzügen und mineralischen Unreinheiten.