Sie ziert die Seite 9 des italienischen Reisepasses und vertrat Kalabrien auf der Expo 2015: Die Cattolica di Stilo gehört zu den bedeutendsten byzantinischen Bauwerken Süditaliens. Errichtet wurde der Zentralbau zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert an den Hängen des Monte Consolino, noch vor der Eroberung durch die Normannen. Das nationale Denkmal steht seit 2006 zusammen mit sieben weiteren kalabrischen Stätten auf der Kandidatenliste für das UNESCO-Welterbe. Der Begriff „Cattolica“ (vom griechischen katholikì) bezeichnete einst jene privilegierten Kirchen, die über ein Baptisterium verfügten – ein Titel, den die Kirche wie das erste Gotteshaus von Reggio Calabria über die Jahrhunderte behielt. Bis ins 11. Jahrhundert diente sie als Mutterkirche für fünf Pfarreien und wurde von einem ständigen Vikar geleitet, der auf den byzantinischen Protopapas folgte.
Sehenswertes
Der kubische Bau erinnert an San Marco di Rossano, San Giorgio di Pietra Cappa sowie die Ottimati di Reggio Calabria und folgt dem mittelbyzantinischen Typus des eingeschriebenen Griechischen Kreuzes. Die Westseite ruht direkt auf dem nackten Felsen, während sich die Ostseite mit ihren drei Apsiden auf drei Sockeln aus Stein und Backstein erhebt. Die 70 Zentimeter dicken Mauern weisen Strebepfeiler aus Bruchstein und Ziegeln sowie ein charakteristisches Gefüge aus großen, mit Mörtel gefügten Ziegelsteinen auf. Der Archäologe Francesco Cuteri entdeckte auf einem Ziegel einen Stempel, der dessen Herkunft aus römischen Werkstätten des 3. Jahrhunderts n. Chr. bei Scolacium belegt (abgetragen aus einer Villa in der Contrada Maddaloni). Damit widerlegte er die These von Paolo Orsi, der von Mauerwerk aus der Kaiserzeit ausging. Außen fast ohne Schmuckelemente, wird das Gebäude nur von zwei Sägezahnfriesen gegliedert und von fünf kleinen Kuppeln in Opus reticulatum gekrönt, die mit quadratischen, auf der Spitze stehenden Tontiefen verkleidet sind. Den Forschern Bérteaux und Ferrante zufolge handelt es sich um ein eigenständiges Modell, das unabhängig von den zypriotischen Fünfkuppelkirchen in Peristerona und Hieroskipos entstand. Im Inneren unterteilen vier Säulen auf wiederverwendeten antiken Basen (darunter eine ionische Basis auf einem umgedrehten korinthischen Kapitell und ein auf den Kopf gestelltes ionisches Kapitell) den Raum in neun Abschnitte, die von der höheren und breiteren Zentralkuppel dominiert werden. An den Wänden bewunderst du die Fresken, die Giorgio Leone zwischen 1968 und 1980 wieder ans Licht brachte – darunter Christus Pantokrator, die Verkündigung, Fragmente des heiligen Johannes des Täufers – sowie eine Dormitio Virginis aus dem Jahr 1552.
Der Besuch
Die vielschichtige Geschichte des Baus trat nach Jahrhunderten des Schweigens dank der Aufzeichnungen des Kanonikers Michelangelo Macrì im 19. Jahrhundert und der Kalabrienreise von Heinrich Wilhelm Schulz im Jahr 1840 wieder zutage. Wenn du den Raum betrittst, erlebst du ein Zusammenspiel des Lichts, das gezielt eingesetzt wird, um die menschliche Dimension und die räumliche Hierarchie zu betonen. Der östliche Bereich umfasst drei Apsiden: das Bema (den zentralen Altar), das Diakonikon im Süden für die heiligen Geräte und die Prothesis im Norden für die Vorbereitung von Brot und Wein. In Letzterer dient das Fragment einer antiken Säule als Abendmahlstisch, während weiter oben eine lokale Bronzeglocke aus dem Jahr 1577 mit einer Darstellung der Madonna mit Kind prangt – gemeinsam mit einem kleinen Weihwasserbecken aus Granit ein Zeichen für den Übergang zum lateinischen Ritus. An der ersten Säule rechts sind ein Kreuz mit griechischen Unzialbuchstaben (Psalm 118 Deus Dominus nobis apparuit) und zwei islamische Schahādas eingemeißelt – ein Hinweis darauf, dass das Gebäude von den Arabern verschont und möglicherweise als muslimischer Betsaal genutzt wurde. Die verschiedenen Restaurierungsphasen – von der Entfernung der Giebelfront mit Dreiblattfenster durch Orsi (1912–1927) über die Wiederherstellung der Tambourdächer durch Gilberto Martelli (1947–1951) bis hin zu den Arbeiten des Consorzio Iconos (2004–2006) und des Ministeriums (2011) – brachten entscheidende Entdeckungen hervor. Darunter befanden sich ein Marmorgrab mit den Überresten des Vikars samt eines wertvollen Rings, spätmittelalterliche Gebeine sowie eine Inschrift aus dem 15. Jahrhundert, die Elia Fiorenza 2017 mittels Photogrammetrie ausfindig machte.
Tipp der Redaktion
Schau dir beim Betreten den Schaft der ersten Säule auf der rechten Seite ganz genau an: Die in den Stein gemeißelten arabischen Inschriften mit dem islamischen Glaubensbekenntnis belegen eindrucksvoll die tiefgreifende historische Überlagerung, die dieser Ort im Laufe der Jahrhunderte erlebt hat.