Am 16. August 1972 entdeckte der Sporttaucher Stefano Mariottini 230 Meter vor der Küste von Riace Marina in acht Metern Tiefe einen linken Arm aus Bronze, der aus dem sandigen Meeresboden des Ionischen Meeres ragte. Es war der Auftakt zu einer der berühmtesten archäologischen Bergungsaktionen des 20. Jahrhunderts. Mit luftgefüllten Ballons holte die Taucherstaffel der Carabinieri am 21. und 22. August zwei griechische Krieger in außergewöhnlich gutem Erhaltungszustand an die Oberfläche, die auf 460 und 430 v. Chr. datiert werden. Die beiden Skulpturen, die zum Wahrzeichen der Stadt Reggio Calabria geworden sind, zählen heute neben Raritäten wie dem Wagenlenker von Delphi und dem Gott aus dem Meer vom Kap Artemisio zu den ganz wenigen direkt überlieferten Meisterwerken der großen Bildhauer der klassischen Antike, auch wenn die genaue Identität ihrer Schöpfer bis heute ein Rätsel bleibt.
Sehenswertes
Die beiden etwa 180 Zentimeter hohen, nackten Männergestalten beeindrucken durch ihren anatomischen Realismus und die handwerkliche Meisterschaft im Zusammenspiel verschiedener Materialien. Statue A zeichnet sich durch einen üppigen Lockenbart, geöffnete Arme und ein vorgeschobenes Bein aus. Statue B, die bei der Entdeckung auf der Seite lag, zeigt ein leicht gebeugtes Bein und trug ursprünglich einen Schild am linken Arm. Wenn du genauer hinschaust, erkennst du die farblichen Details aus anderen Materialien als Bronze: Silber lässt die Zähne von Statue A und die Wimpern beider Krieger erstrahlen, reines Kupfer wurde für Lippen und Brustwarzen verwendet, während das Weiß der Augen aus Elfenbein und Kalkstein geformt ist. Röntgenaufnahmen enthüllten zudem, dass der rechte Arm und der linke Unterarm von Statue B aus einem separaten Guss stammen; sie wurden erst später angefügt, um eine Beschädigung zu reparieren, die die Statue erlitt, als sie in der Antike bereits öffentlich ausgestellt war. Heute stehen die Skulpturen auf innovativen, erdbebensicheren Sockeln aus Carrara-Marmor, die von ABDR Architetti Associati (Maria Laura Arlotti, Michele Beccu, Paolo Desideri, Filippo Raimondo) entworfen wurden. Dieses System nutzt vier konkave Schalen mit innenliegenden Marmorkugeln sowie Dämpfungselemente aus Edelstahl, um die Kunstwerke vollständig von vertikalen und horizontalen Erschütterungen zu entkoppeln.
Der Besuch
Seit Dezember 2013 werden die Bronzestatuen im großen Saal des Museo Archeologico Nazionale di Reggio Calabria präsentiert, wo ein streng überwachtes Mikroklima mit einer Luftfeuchtigkeit von 40-50% und Temperaturen zwischen 21 und 23 °C herrscht. Ihr heutiger Zustand ist das Ergebnis jahrzehntelanger, aufwendiger Konservierungsarbeiten. Nach einer ersten Reinigung in Reggio Calabria wurden die Statuen von 1975 bis 1980 im Centro di Restauro in Florenz restauriert. In den 1990er-Jahren musste der ursprüngliche Baugusskern aus Erdmaterial im Inneren vollständig entfernt werden, um den Verfall zu stoppen, wobei Nitrobenzol gegen Kupferoxide eingesetzt wurde. Während der Umbauarbeiten des Museums zwischen 2009 und 2011 fanden die Skulpturen vorübergehend im Palazzo Campanella Zuflucht. Dort führten die Restauratoren Paola Donati und Nuccio Schepis vom Istituto Superiore per la Conservazione e il Restauro endoskopische Untersuchungen durch. Dabei entdeckten sie die vierkantigen Nägel, mit denen die Gussform in der Antike fixiert worden war, und trugen im Inneren ein chemisches Korrosionsschutzmittel auf.
Tipp der Redaktion
Nimm dir etwas Zeit und schau dir die unterschiedliche Gussstruktur an den Armen von Statue B genauer an: Sie ist ein rares, greifbares Zeugnis einer Reparatur, die bereits in der Antike durchgeführt wurde. Achte auch auf den eindrucksvollen Kontrast zwischen der dunklen Bronze und den Gesichts-Einlagen aus Silber und Kupfer – eine Technik, die dem Blick der beiden Krieger eine unvergleichliche Intensität verleiht.