🏛️ Plätze und Altstädte

Civita di Bagnoregio

📍 Bagnoregio, Latium · 87/100

Der Schriftsteller Bonaventura Tecchi, der hier seine Jugend verbrachte, nannte Civita di Bagnoregio einst „die sterbende Stadt“ – und tatsächlich zählen heute kaum mehr als ein Dutzend Menschen zu den festen Bewohnern. Das gesamte Dorf thront auf einem wackligen Sporn aus Tuff- und Lavagestein. Darunter liegt eine Schicht aus Meereston, die von den Bächen Rio Torbido und Rio Chiaro sowie der Witterung unaufhörlich abgetragen wird. Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. von den Etruskern gegründet, versuchten schon damals Ingenieure der Antike, Erdrutsche durch Abflusskanäle aufzuhalten – ein Unterfangen, das die Römer ab 265 v. Chr. fortsetzten. Das Städtchen ragt über dem Valle dei Calanchi auf und lässt sich ausschließlich zu Fuß über eine 1965 erbaute Stahlbetonbrücke erreichen.

Sehenswertes

Der Grundriss des Ortes orientiert sich bis heute am antiken etruskischen und römischen Raster aus Cardo und Decumanus, während die sichtbare Architektur vor allem aus dem Mittelalter und der Renaissance stammt. Von den ursprünglich fünf Stadttoren existiert nur noch die Porta di Santa Maria (oder Porta della Cava). Sie wird von zwei Steinlöwen geschmückt, die einen menschlichen Kopf in ihren Pfoten halten – eine Erinnerung an einen Volksaufstand gegen die Adelsfamilie Monaldeschi aus Orvieto. Am Hauptplatz erhebt sich die Kirche San Donato; in ihrem Inneren befindet sich das hölzerne Kruzifix S.S. Crocefisso, um das sich eine Legende aus dem Pestjahr 1499 rankt. Im Ort stehen zudem der Palazzo Alemanni, der heute das Museo Geologico e delle Frane beherbergt, der Palazzo Vescovile sowie eine Mühle aus dem 16. Jahrhundert. Unweit davon liegen die Reste des Geburtshauses des heiligen Bonaventura (gestorben 1274), dessen Gebäude größtenteils im Abgrund versunken ist. Etruskische Spuren finden sich überall: Unter dem Aussichtspunkt San Francesco vecchio erblickst du eine kleine Nekropole, und die sogenannte Grotta di San Bonaventura – wo der heilige Franziskus der Überlieferung nach den späteren Heiligen heilte – ist in Wahrheit ein altes Kammergrab.

Der Besuch

Um den Ort zu betreten – der zu den „I borghi più belli d'Italia“ gehört und 2021 als UNESCO-Welterbe nominiert wurde –, musst du eine Eintrittsgebühr zahlen. Dieses 2013 eingeführte Ticket (mit Preisen von 3 Euro unter der Woche und 5 Euro an Sonn- und Feiertagen) spülte so viel Geld in die Kassen, dass die Gemeinde Bagnoregio die kommunalen Steuern komplett abschaffen konnte. Die Fußgängerbrücke ist für Fahrzeuge gesperrt; nur Anwohner dürfen sie zu bestimmten Zeiten befahren. Über das Jahr verteilt erwarten dich traditionelle Höhepunkte: Am Karfreitag wird das hölzerne Kruzifix für eine jahrhundertealte Prozession nach Bagnoregio auf einen Sarg gelegt. Am ersten Sonntag im Juni und am zweiten Sonntag im September steigt auf dem Platz das Palio della Tonna, ein Eselrennen zwischen den Ortsteilen, während die Weihnachtszeit von einer lebendigen Krippe geprägt ist. Ende Juli bis Anfang August machen zudem die Konzerte des Tuscia in Jazz Festivals im Ort Station.

Tipp der Redaktion

Halte Ausschau nach dem Zugang zum „Bucaione“, einem tiefen Tunnel, der direkt in das Vulkangestein des untersten Ortsteils geschlagen wurde. Wenn du ihn durchquerst, gelangst du unmittelbar in das karge Valle dei Calanchi. Hier kannst du die brüchigen Schichten aus Ton und Tuffstein aus nächster Nähe betrachten, die Hayao Miyazaki einst zu den Kulissen seines berühmten Animationsfilms „Laputa, il castello nel cielo“ inspirierten.

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