1608 ließ sich Caravaggio auf der Flucht aus Malta vor einen künstlichen Steinbruch führen, 65 Meter tief und über zwanzig Meter hoch. Die Form erinnerte an eine Ohrmuschel, das Echo vervielfachte jede Stimme, und so taufte er die Höhle Ohr des Dionysios; daraus wuchs die Sage vom Tyrannen, der seine Gefangenen belauschte. Die Höhle ist nur eine der Wunden, die die Latomien hinterlassen haben, jene Brüche, aus denen die Syrakusaner jahrhundertelang den Stein ihrer Stadt schlugen. Zwischen 1952 und 1955 zäunte die Denkmalbehörde diesen Hang ein, um ihn dem Baurausch zu entziehen, der Syrakus damals verschlang.
Sehenswertes
Das griechische Theater ist in den gewachsenen Fels des Temenite-Hügels geschnitten: 138,60 Meter Durchmesser, ursprünglich siebenundsechzig Sitzreihen, eine Cavea für rund fünfzehntausend Menschen. Erhalten ist die Anlage des 3. Jahrhunderts v. Chr., die Hieron II. errichten ließ; auf den Blöcken des mittleren Umgangs stehen noch die eingemeißelten Namen des Olympischen Zeus und der Königsfamilie. Aischylos ließ hier Die Perser spielen, 472 v. Chr. in Athen uraufgeführt; seit 1914 bringt das Nationalinstitut für antikes Drama das klassische Repertoire jedes Jahr auf denselben Stein.
Über dem Theater steigt die Via dei Sepolcri an, in ihre Wände sind Grabnischen geschlagen. Weiter unten liegt der Altar Hierons II.: ein Unterbau von 198 Metern Länge, so lang wie ein griechisches Stadion, der größte Altar der Antike. Übrig ist nur der behauene Fels, denn im 16. Jahrhundert wanderten die Blöcke in die spanischen Befestigungen der Stadt; antike Quellen nennen hier das Opfer von 450 Rindern zum Fest des Zeus Eleutherios. Am Ende des Rundgangs steht das römische Amphitheater, 140 Meter in der Längsachse, mit dem unterirdischen Gang, durch den Tiere und Gladiatoren heraufkamen.
Der Besuch
Der Eingang liegt an der Viale Paradiso, eine Viertelstunde zu Fuß vom Bahnhof: die Kasse steckt in der kleinen normannischen Kirche San Nicolò ai Cordari, benannt nach den Seilern, die im feuchten Grund der Steinbrüche ihre Taue drehten. Der Weg verläuft fast ganz im Freien, mit Steigungen, Schotter und wenig Schatten: feste Schuhe, Wasser und mindestens zwei Stunden. Zwischen Mai und Juli belegen die Bühnenaufbauten der Klassikersaison einen Teil der Cavea, der Theaterbesuch sieht dann anders aus. Wenige Minuten entfernt liegt das Archäologische Museum Paolo Orsi mit den Funden von hier: die beiden Besuche ergänzen einander.
Tipp der Redaktion
Wir gehen hinein, sobald die Tore öffnen. Die Cavea liegt nach Süden, am späten Vormittag wirft der Kalkstein ein Licht zurück, das die Augen ermüdet, während in der ersten Stunde die Stufen noch im Schatten liegen und der Park fast leer ist. Im Ohr des Dionysios lohnt es sich, bis ganz nach hinten zu gehen und eine Minute zu schweigen: das Tropfen kommt vervielfacht zurück, und näher kommt man einer antiken Erfahrung hier nicht. Fällt die Reise in den Frühling, nehmen wir Karten für eine Abendtragödie: auf demselben Stein zu sitzen wie die Syrakusaner, während das Licht schwindet, wiegt jedes Foto auf.





