Über Nicolosi erheben sich zwei rötliche Schlackenkegel, die es vor 1669 nicht gab: die Monti Rossi, 949 Meter, in wenigen Wochen aus den Lapilli des zerstörerischsten Ausbruchs aufgeschüttet, den die Schriftquellen vom Ätna kennen. Aus jener Spalte, die auf 850 Metern aufriss, brauchte die Lava 122 Tage bis zum Meer; sie begrub Felder und Dörfer und erreichte die Stadtmauern von Catania. Der Priester Diego Pappalardo versuchte sie umzuleiten, indem er die erstarrte Flanke des Stroms aufbrach, der erste dokumentierte Versuch überhaupt, einen Lavastrom zu lenken. Die Bewohner des Ortes, den die Umleitung getroffen hätte, jagten ihn mit Knüppeln davon, und die Front nahm ihren alten Weg wieder auf. Genau das ist die Südflanke: die Seite des Vulkans, an der Ausbrüche und Menschen einander am häufigsten begegnet sind.
Sehenswertes
Die Provinzstraße 92 steigt von Nicolosi in rund zwanzig Kehren an und endet auf 1910 Metern, am Vorplatz des Rifugio Sapienza. Wenige Dutzend Meter vom Parkplatz entfernt öffnen sich die Crateri Silvestri, zwei Flankenschlote des Ausbruchs von 1892, die der Alpenverein von Catania dem Vulkanologen Orazio Silvestri widmete: der Rand des unteren lässt sich in einer Viertelstunde umrunden, über Lapilli, die wie Kies knirschen, mit einem schwarzen Trichter zur Seite.
Vom selben Vorplatz startet die Seilbahn. Sie wurde 1966 eröffnet und mehrfach neu gebaut, weil Lavaströme 1971, 1983 und 2001 Stützen und Stationen zerstörten; die heutigen Kabinen stammen von 2004 und fahren bis auf 2504 Meter. Von dort führen Geländewagen und geführte Pfade weiter zum Gipfelbereich, den das INGV 2024 nach einer Serie von Paroxysmen mit 3403 Metern vermaß: die Zahl ändert sich von Ausbruch zu Ausbruch. Ringsum liegt das Lavafeld schwarz und kahl; weiter unten kehren Ginster, Wälder und die Trockenmauern der Weinberge zurück.
Der Besuch
Von Catania bis zum Rifugio Sapienza sind es rund vierzig Kilometer stetiger Steigung; im Winter können Ketten nötig sein und die Straße wegen Schnee schließen, im Sommer füllt sich der Vorplatz ab dem späten Vormittag mit Reisebussen. Wer sich den Gipfelkratern nähern will, braucht eine autorisierte vulkanologische Bergführung; der Zugang wird eingeschränkt oder gesperrt, sobald die Aktivität zunimmt. Die Regeln richten sich nach dem Vulkan, nicht nach dem Kalender. Im unteren Bereich geht man frei und ohne Ticket: die Crateri Silvestri, die Pfade im Pinienwald der Monti Rossi über Nicolosi, die jungen Lavaströme entlang der Provinzstraße. Oben ist es auch im August kalt, zehn bis fünfzehn Grad weniger als an der Küste, und der Wind lässt selten nach.
Tipp der Redaktion
Wir fahren früh hinauf und machen das Gegenteil der Mehrheit: zuerst die Crateri Silvestri im streifenden Morgenlicht, das jede Falte der Lava herausarbeitet, dann die Seilbahn, auf dem Rückweg ein Halt im Pinienwald der Monti Rossi. Zwischen Kiefern zu gehen, die auf den Schlacken von 1669 gewachsen sind, erklärt am schnellsten, wie rasch sich der Ätna wieder zudeckt. Festes Schuhwerk, weil der Lapilli überall hineingerät, und eine Windjacke auch im Hochsommer.




