Der älteste der drei Tempel hat neun Säulen an der Front statt der üblichen sechs oder acht, und im Inneren läuft eine Reihe von sieben weiteren durch die Cella und teilt sie der Länge nach: zwei Türen, zwei Schiffe, vielleicht zwei Gottheiten. Die Altertumsforscher des 18. Jahrhunderts hielten ihn für ein römisches Verwaltungsgebäude und nannten ihn Basilika; Inschriften und Terrakottafiguren vor dem Altar zeigten später, dass es ein Hera-Tempel war, um 560 v. Chr. von Siedlern aus Sybaris errichtet, die hier um 600 v. Chr. Poseidonia gegründet hatten. Die Lukaner nahmen die Stadt am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein, Rom machte sie 273 v. Chr. zur latinischen Kolonie und gab ihr den Namen Paestum.
Sehenswertes
Die drei Tempel folgen einander entlang der heiligen Straße. Neben der Basilika steht der sogenannte Neptuntempel, in Wahrheit ein zweites Hera-Heiligtum, um 460 v. Chr. errichtet: Er ist der besterhaltene, der einzige, der noch fast das ganze Gebälk trägt, und seine Säulen haben vierundzwanzig Kanneluren statt der üblichen zwanzig. Am Nordende, auf dem höchsten Punkt der Stadt, mischt der Athenatempel von etwa 500 v. Chr. dorische Ordnung mit ionischen Elementen; im Boden öffnen sich drei mittelalterliche Christengräber, denn einige Jahrhunderte lang war er eine Kirche.
Ringsum liegt die Stadt: das römische Forum über der griechischen Agora, das runde Ekklesiasterion mit den Sitzstufen, in dem die Versammlung tagte, das Amphitheater, das eine 1930 angelegte Straße halbiert und dessen Ostseite sie begraben hat, und die fast vollständige Mauer, ein Ring von 4,75 Kilometern mit vier Toren und vierundzwanzig Türmen. Von den mehr als 120 Hektar des antiken Poseidonia ist erst etwa ein Fünftel ausgegraben, der Rest liegt unter Äckern. Im Museum steht das Grab des Tauchers, fünf bemalte Travertinplatten, die Mario Napoli am 3. Juni 1968 zwei Kilometer vor den Mauern fand: an den Seiten ein Gastmahl, auf dem Deckel ein nackter junger Mann im Sprung. Es stammt von 480-470 v. Chr. und ist die einzige unversehrt erhaltene griechische Grabmalerei mit Figuren aus klassischer Zeit.
Der Besuch
Der archäologische Park und das Nationale Archäologische Museum teilen sich ein Ticket und liegen einander gegenüber, getrennt von der modernen Via Magna Grecia, die die antike Stadt in zwei Hälften schneidet. Der Bahnhof Paestum an der Strecke Neapel-Salerno-Reggio Calabria liegt direkt vor der Ostmauer, zehn Gehminuten von der Porta Sirena. Für die Ausgrabungen sollte man mindestens zwei Stunden einplanen, eine weitere für das Museum, das neben dem Taucher die Funde aus dem Hera-Heiligtum an der Sele-Mündung verwahrt. Seit 1998 gehört das Gelände zum UNESCO-Welterbe; im Sommer gibt es kaum Schatten, man kommt also besser zur Öffnung oder am späten Nachmittag.
Tipp der Redaktion
Im Museum sehen wir uns die vier Seitenplatten des Taucher-Grabes vor der Deckplatte an: das Gelage, die Musikanten, den Jungen, der Wein aus dem Krater schöpft. Danach betrachtet, hört der Sprung auf, ein Zierstück zu sein, und wird zu dem, was er wohl gemeint war: der Übergang vom Leben zum Tod. Und wenn die Zeit knapp ist, halten wir uns die letzte Stunde Tageslicht für den Neptuntempel frei: Der Stein wechselt von Grau zu Ocker, und von Süden gesehen reihen sich die Säulen eine hinter die andere.





