Zwischen 550 und 450 v. Chr. errichteten griechische Siedler drei gewaltige dorische Tempel, die heute zu den am besten erhaltenen Beispielen archaischer Baukunst weltweit zählen. Um 600 v. Chr. von Kolonisten aus Sybaris unter dem Namen Poseidonia gegründet, erlebte die Stadt zwei Jahrhunderte lang eine Blütezeit als demokratisches Gemeinwesen. Im Jahr 400 v. Chr. wurde sie von den Lucanern erobert und in Paistos umbenannt, ehe 273 v. Chr. die Römer die Macht übernahmen und die lateinische Kolonie Paestum gründeten. Die endgültige Aufgabe im Frühmittelalter – ausgelöst durch Versumpfung, Überschwemmungen und verlagerte Handelsrouten – bewahrte das Areal (das heute nur noch ein Titularbistum ist) bis zu seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert. Heute befindet sich die antike Stadt in der kampanischen Gemeinde Capaccio Paestum, einem Badeort am Tyrrhenischen Meer, dessen Bahnhof direkt östlich der antiken Stadtmauer liegt.
Sehenswertes
Das freigelegte Ausgrabungsgelände umfasst 25 Hektar, während die restlichen 95 Hektar unangetastet auf Privatland liegen. Umschlossen wird die Stadt von einer 4,75 Kilometer langen polygonalen Schutzmauer, die durchschnittlich 7 Meter hoch und zwischen 5 und 7 Meter dick ist. Entlang der Mauer stehen 24 Türme (ursprünglich wohl bis zu 28) sowie vier Tore an den Haupthimmelsrichtungen: Porta Sirena im Osten zu den Hügeln, Porta Giustizia im Süden, Porta Marina im Westen zum Meer und Porta Aurea im Norden – Letztere wurde zusammen mit einigen Türmen beim Bau einer Straße im 18. Jahrhundert zerstört. Im Zentrum der Anlage stehen die drei archaisch-dorischen Tempel mit ihren mächtigen Säulen, deutlicher Entasis (einer Bauchung im unteren Drittel) und breiten Kapitellen in Form umgedrehter Pilze. Der am weitesten südlich gelegene Erste Hera-Tempel (550 v. Chr.) wurde von Archäologen des 18. Jahrhunderts fälschlicherweise als „Basilica“ bezeichnet, da sie ihn für ein römisches Zivilgebäude hielten. Er ist ungewöhnlich breit gebaut, hat neun Säulen an den Fronten und achtzehn an den Längsseiten sowie eine ungewöhnliche mittlere Reihe aus sieben Säulen in der Cella, um die zwei Eingangstüren nicht zu versperren; draußen befindet sich der Opferaltar. Etwas weiter nördlich steht der Zweite Hera-Tempel (460–450 v. Chr.), den man früher Poseidon zuschrieb. Als einziger besitzt er noch einen Großteil des Gebälks (bei den anderen steht nur der Architrav), weist breitere Säulen mit kleineren Abständen auf und zählt 24 Kanneluren statt der üblichen 20. An der Ostseite sieht man zwei Altäre: einen großen griechischen, der für eine spätere Straße teilweise abgeschnitten wurde, und einen kleineren römischen. Am höchsten Punkt im Norden ragt der Athena-Tempel (500 v. Chr.) empor, der lange fälschlich als Ceres-Tempel galt. Das Bauwerk verbindet den archaisch-dorischen Stil mit ionischen Elementen und birgt im Boden drei mittelalterliche christliche Gräber. Das seit dem Mittelalter von modernen Bauten freie Zentrum umfasst das Römische Forum über der alten griechischen Agora, einen kleinen Tempel aus dem Jahr 200 v. Chr., der der Kapitolinischen Trias (Jupiter, Juno und Minerva) geweiht war, sowie sechs kleine hellenistische Tempel. Ebenfalls erhalten sind ein kreisrundes Bouleuterion (oder Ekklesiasterion) mit Sitzstufen und ein römisches Amphitheater, von dem nur die westliche Hälfte sichtbar ist: Die Osthälfte wurde 1930 durch den Bau einer Straße verschüttet – ein Eingriff, der dem verantwortlichen Ingenieur wegen Zerstörung einer historischen Stätte eine Haftstrafe einbrachte.
Der Besuch
Du kannst das Ausgrabungsgelände komplett zu Fuß über die antiken gepflasterten Römerstraßen erkunden, auch wenn die Straße aus dem 18. Jahrhundert das Areal durchschneidet. Zahlreiche Gräber wurden außerhalb der Stadtmauern freigelegt. Abgerundet wird dein Besuch im modernen Archäologischen Nationalmuseum gleich nebenan. Da es rund um Paestum kaum guten Marmor gab, verzierte man die Tempel mit bemalter Terrakotta – die imposanten erhaltenen Fragmente sind hier ausgestellt. Das Museum zeigt zudem Fundstücke aus der nahe gelegenen griechischen Ausgrabungsstätte Foce del Sele sowie seltene Bronzegefäße, die 1954 im Heroön entdeckt wurden: einem nahe dem Forum gelegenen Grabhügel mit Satteldach, der rund ein Jahrhundert nach dem Tod eines unbekannten lokalen Helden zu dessen Ehren errichtet wurde.
Tipp der Redaktion
Nimm dir etwas Zeit und schau dir die Kapitelle des Ersten Hera-Tempels genauer an: Mit etwas Glück entdeckst du noch Überreste der ursprünglichen Bemalung – ein seltenes Farbdetail aus der Zeit der archaischen Baukunst.