Mit einem Maximaldurchmesser von 109 Metern und einem ursprünglichen Fassungsvermögen von rund 10.000 Zuschauern ist das antike Theater von Taormina das zweitgrößte seiner Art in Sizilien – übertroffen nur von dem in Siracusa. Die ursprüngliche Anlage stammt aus dem III. Jahrhundert v. Chr., doch das heutige Erscheinungsbild ist größtenteils das Ergebnis römischer Umbauten. Nach ersten Arbeiten in der republikanischen Zeit oder unter Augustus erreichten die Bauten ihre endgültige Form durch eine gewaltige Erweiterung in der ersten Hälfte des II. Jahrhunderts n. Chr., vermutlich unter den Kaisern Hadrian oder Trajan.
Sehenswertes
Das direkt in den Fels gehauene Bauwerk erreicht eine Höhe von etwa 20 Metern. Die Cavea gehört zu den ältesten in der Magna Grecia mit einem geschwungenen Verlauf anstelle des alten trapezförmigen Grundrisses; sie ist in 9 Sektoren unterteilt, die durch 8 Treppen getrennt werden. Der obere Teil ist von einer doppelten Bogen-Galerie umgeben, die außen von einfachen Pfeilern und innen von Marmorsäulen getragen wird. Von den hellenistischen Ursprüngen zeugen noch heute isodome Quader im Bühnengebäude, 3 beschriftete Ehrensitze sowie das Fundament eines kleinen Heiligtums auf dem Aussichtspunkt oberhalb der Ränge. Die monumentale Bühnenwand aus römischer Zeit wird von Basiliken flankiert und durch eine in der Mitte teilweise offene Mauer begrenzt, vor deren Hintergrund noch einige originale Marmorsäulen stehen. Hinter der Bühne befinden sich zudem die Reste einer spätantiken Portikus.
Der Besuch
Der berühmte Blick auf das Ionische Meer und den Etna, der 1787 schon Goethe auf seiner Grand Tour faszinierte, existierte zur Zeit der größten Blüte des Bauwerks noch nicht, da die riesigen Bühnenwände die Aussicht vollständig versperrten. In der Hohen und Späten Kaiserzeit wandelte man die Orchestra mit ihren 35 Metern Durchmesser in eine Arena für Venationes um – die Schaukämpfe zwischen Gladiatoren und wilden Tieren. Dafür entfernte man die untersten Sitzreihen und schuf einen gewölbten Korridor, der mit einem zentralen Hypogäum verbunden war, aus dem Bühnenmaschinen Spezialeffekte für die Kämpfe hochförderten. Nach der Belagerung durch die Vandalen verfiel das Theater, ehe man die Scena und die zwei Turris Scalae im Mittelalter zu einem Privatpalast umbaute.
Tipp der Redaktion
Heute verfügt die Anlage über eine nutzbare Kapazität von 4.500 Sitzplätzen, die bei Konzerten mit Stehplätzen im Parterre auf 10.000 ansteigen kann. Seit 1983 dient das Theater als Kulisse für das Sommerfestival Taormina Arte und das jährliche Taormina Film Fest; zudem fand hier die Verleihung der David di Donatello statt sowie die Hauptparade des G7-Gipfels im Jahr 2017. Seine Akustik und die natürliche Kulisse machen es zu einer begehrten Bühne: Es war in der 2. Staffel der HBO-Serie „The White Lotus“ zu sehen und im Film „La dea dell'amore“ (1995) von Woody Allen, in dem F. Murray Abraham an der Seite von Schauspielgrößen wie Mira Sorvino und Helena Bonham Carter einen griechischen Chor anführt.