Ein Hohlraum von mehr als zwei Millionen Kubikmetern, in dem der gesamte Mailänder Dom bequem Platz fände: Das ist das gewaltige Ausmaß des Abisso Ancona, der ersten riesigen Höhle der Grotte di Frasassi. Das Karstsystem wurde am 25. September 1971 der Öffentlichkeit bekannt, als Rolando Silvestri unter der Leitung von Giancarlo Cappanera vom Gruppo Speleologico Marchigiano am monte Valmontagnana bei Genga ein Loch entdeckte, das nicht größer als ein Autolenkrad war. Die Forscher warfen einen Stein in die völlige Dunkelheit, stoppten die Fallzeit und schätzten die Tiefe zunächst auf über 125 Meter. In Wahrheit erstreckt sich das unterirdische System, das vor rund einer Million Jahren durch den Fluss Sentino und aufsteigendes Schwefelwasser entstand, über mehr als 30 Kilometer. Es gehört zu den größten Höhlensystemen Europas und liegt mitten im Parco naturale regionale della Gola della Rossa e di Frasassi.
Sehenswertes
Der Besucherweg führt dich durch eine Welt natürlicher Skulpturen, die über einen Zeitraum von 190 Millionen Jahren durch die chemische Verwandlung von Kalziumhydrogencarbonat in Gestein entstanden sind. Den Auftakt macht der Abisso Ancona mit einer Breite von 180 Metern, einer Länge von 120 Metern und einer Höhe von 200 Metern. Von dort gelangst du in die Sala 200, einen Korridor, in dessen Mitte der Obelisco ragt, ein 15 Meter hoher Stalagmit. Die Sala delle Candeline besticht durch kleine zylindrische Stalagmiten, die von Felsringen umgeben sind und an Kerzen auf Untertellern erinnern, während die Sala Bianca durch ihre Schichten aus reinem Calcit glänzt. Es folgt die Sala dell'Infinito, ein unregelmäßig kreisförmiger Raum mit mächtigen Säulen, in dem die ersten Höhlenforscher einst die Orientierung verloren und sich im Kreis drehten. Die Tropfsteinformationen tragen von den Entdeckern vergebene, bildhafte Namen: Die Spada di Damocle ist mit 7,40 Metern Länge und einem Durchmesser von 150 Zentimetern die imposanteste Stalaktite, flankiert von der rosafarbenen Fetta di pancetta und der blütenweißen Fetta di lardo. Ebenfalls bemerkenswert sind die Canne d'organo, kegelförmig-lamellare Gebilde, die beim Anschlagen klingen, sowie die Grotta delle Nottole, die eine Fledermauskolonie beherbergt. Das Sickerwasser sammelt sich in bis zu 25 Meter tiefen zylindrischen Schächten und unterirdischen Seen wie dem Lago Verde. Draußen, nahe dem Eingang, stößt du auf das Santuario di Santa Maria infra Saxa aus dem Jahr 1029 und den klassizistischen Tempietto del Valadier von 1828.
Der Besuch
In den Höhlen herrscht das ganze Jahr über eine konstante Temperatur von 14 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 100 %. Um das empfindliche Ökosystem zu schützen und Algenwachstum zu verhindern, kommt ausschließlich kaltweißes Kunstlicht zum Einsatz, da Sonnenlicht an keiner Stelle hineingelangt. Die Eröffnung für Besucher am 1. September 1974 wurde durch die exakten Berechnungen des Ingenieurs Aldo Neroni Mercati ermöglicht, der den in den Fels geschlagenen Zugangstunnel entwarf. Diese extreme Umgebung diente immer wieder als Labor für außergewöhnliche Forschungen: 1986 verbrachte der Soziologe Maurizio Montalbini im Rahmen eines chronobiologischen Experiments 210 Tage in vollständiger Isolation; er ernährte sich von Tabletten und Honig und war beim Verlassen der Höhle überzeugt, nur 79 Tage unter Tage gewesen zu sein. In jüngerer Zeit untersuchten die Mikrobiologinnen Jennifer Macalady und Dani Buchheister von der Penn State University die mikrobiellen Biofilme in den unterirdischen Seen, um zu verstehen, wie Leben ohne Licht und Sauerstoff gedeihen kann – ähnlich wie auf der Erde in ihrer Frühzeit.
Tipp der Redaktion
Bevor du die Schwelle zur Grotta Grande del Vento überschreitest, solltest du kurz vor der kleinen Gedenktafel für Aldo Neroni Mercati und dem Schaukasten daneben innehalten: Dort siehst du die ursprüngliche Skizze aus den 1970er-Jahren. Sie sah einen zweiten, ins Freie führenden Tunnel für den Rückweg der Besucher vor – ein ingenieurstechnisches Detail, das nie umgesetzt wurde, aber die damaligen technischen Herausforderungen anschaulich verdeutlicht.