Ein achtunddreißigjähriger, fast unbekannter Architekt, der gegen Sansovino, Serlio, Sanmicheli und Giulio Romano gewinnt: So übertrug der Rat von Vicenza 1546 Andrea Palladio den Palazzo della Ragione, das gotische Rathaus des fünfzehnten Jahrhunderts, dessen Loggien eine Ecke verloren hatten und über das die Stadt seit vierzig Jahren stritt. Palladio riss es nicht ab: Er hüllte es in eine doppelte Ordnung von Loggien aus weißem Stein und nannte es Basilika, nach den Zivilbauten des antiken Rom. Der Entwurf wurde 1549 endgültig genehmigt, und die Baustelle überdauerte sein Leben.
Sehenswertes
Der Kunstgriff ist die Serliana: ein Rundbogen gleichbleibender Spannweite, flankiert von zwei rechteckigen, architravierten Öffnungen veränderlicher Breite, die die Unterschiede zwischen den unregelmäßigen Jochen des alten Palastes auffangen. Schauen Sie auf die Ecken, wo die Seitenöffnungen fast auf null schrumpfen, und Sie verstehen, wie sich ein klassisches, scheinbar starres Modul einem schiefen gotischen Bau angepasst hat. Unten die dorische Ordnung mit Metopen und Triglyphen, oben die ionische mit durchlaufendem Fries, obenauf die Balustrade mit Statuen; hinter den Arkaden sieht man noch die gotische Fassade mit Rauten aus rotem und gelbem Veroneser Marmor. Die erste Ordnung war 1561 fertig, die Front zur Piazza delle Erbe 1614, vierunddreißig Jahre nach Palladios Tod.
Innen nimmt der Saal des Rats der Vierhundert das ganze Obergeschoss ohne einen einzigen Pfeiler ein, zweiundfünfzig mal zweiundzwanzig Meter, unter einem kupfergedeckten Dach in Form eines umgekehrten Schiffsrumpfs: Das Original verbrannte bei der Bombardierung vom 18. März 1945 und wurde sofort mit Holz wiederaufgebaut, das die Hochebene der Sieben Gemeinden stiftete. Daneben steht die Torre Bissara, zweiundachtzig Meter hoch und älter als alles Übrige.
Der Besuch
Die Loggien im Erdgeschoss sind offen und frei zu durchqueren, mit den Läden darunter und den Cafés an der Piazza dei Signori; den Saal besichtigt man, wenn er Ausstellungen beherbergt, seine Bestimmung seit der 2012 abgeschlossenen Restaurierung mit erleichtertem Dach und dem Europa-Nostra-Preis. Im Sommer steigt man auf die Dachterrasse mit Bar und Blick über die Dächer von Vicenza. Die Basilika ist seit 1994 mit Palladios anderen Werken in der Stadt Welterbe.
Tipp der Redaktion
Gehen Sie ganz um den Palast herum, von der Piazza dei Signori zur tiefer gelegenen Piazza delle Erbe: Von dort zeigt die Basilika ihre höchste Seite, und die Logik der Serlianen liest sich am besten. Dann kehren Sie bei Sonnenuntergang auf die Piazza dei Signori zurück, wenn der weiße Stein rosa wird und das Kupferdach aufleuchtet: Das ist das Vicenza, das Palladio erfunden hat.
