2017 bezeichnete die BBC Neapel als „die italienische Stadt mit zu viel Geschichte, um damit umzugehen“. Mit ihren 17 km², was 14,5 % der gesamten Stadtfläche entspricht, ist die neapolitanische Altstadt die größte Italiens und eine der umfangreichsten Europas – sie übertrifft sowohl jene von Rom (14,30 km²) als auch die von Mailand (9,67 km²). Ein 10,21 km² großer Teil dieses gewaltigen Häusermeers wurde 1995 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die absolute Besonderheit liegt darin, dass das antike Straßenraster aus griechischer Zeit nahezu vollständig erhalten geblieben ist und bis heute im Alltag genutzt wird, womit es den ununterbrochenen Wandel mediterraner und europäischer Kulturen über knapp drei Jahrtausende hinweg dokumentiert.
Sehenswertes
Der ursprüngliche Kern der Stadt verteilt sich auf den Hügel Pizzofalcone, wo im 8. Jahrhundert v. Chr. die Küstensiedlung Partenope entstand, und den Binnenbereich der Decumani, das spätere Neapolis. Allein im eng gefassten „centro antico“ – das die Viertel San Giuseppe, Porto, Pendino, Mercato, San Lorenzo und Vicarìa umfasst – drängen sich mehr als 200 historische Kirchen. Das Stadtbild wird durch Obelisken, Klöster, die berühmten Krippengassen und alte Palazzi geprägt, die teils auf mittelalterlichen Säulen ruhen. Hier finden sich Werke und Spuren bedeutender Meister wie Giotto, Caravaggio, Donatello, Giuseppe Sanmartino, Luca Giordano, Cosimo Fanzago, Luigi Vanvitelli, Jusepe de Ribera, Domenichino, Guido Reni, Tino di Camaino und Mattia Preti. Im 16. Jahrhundert trieb der spanische Vizekönig don Pedro de Toledo die Erweiterung nach Westen voran: So entstanden die Quartieri Spagnoli, die Via Toledo und das Viertel Chiaia, wodurch sich die Stadt wieder dem Meer öffnete. Zwischen 1730 und 1750, in der Blütezeit der Bourbonen und der Epoche der Grand Tour, entstanden monumentale Bauten als Symbole der Aufklärung: die Reggia di Capodimonte, der Real Albergo dei Poveri und das Real Teatro di San Carlo. Im 19. Jahrhundert bereicherten schließlich klassizistische und eklektizistische Residenzen wie die Villa Floridiana und die Villa Rosebery die Hügel von Posillipo und Vomero.
Der Besuch
Bei deinen Erkundungen im Zentrum kannst du noch immer die alten mittelalterlichen Verwaltungseinheiten, die sogenannten „seggi“, ablesen (darunter Capuana, Montagna, Nido, Porto, Portanova und Forcella). Da streng festgelegte Verteidigungsmauern ein Wachstum nach außen einst verboten, wuchs die Stadt zwangsläufig in die Höhe: Die Gebäude basieren auf Tuffsteingrund und wurden über die Jahrhunderte aufgestockt, indem das Baumaterial direkt aus den darunter liegenden Steinbrüchen gewonnen wurde. Heute erwartet dich ein reiches archäologisches Erbe über und unter der Erde mit Katakomben, griechischen wie römischen Überresten und einem römischen Theater. Das Irpinia-Erdbeben von 1980 legte allerdings auch bauliche Schwachstellen offen und hinterließ historische Kunstkirchen, Brunnen sowie Bildstöcke in vernachlässigtem Zustand – ein Missstand, dem die Europäische Union 2012 mit der Bereitstellung von 100 Millionen Euro für dringende Restaurierungsarbeiten entgegenwirken wollte.
Tipp der Redaktion
Achte einmal auf die ausgeprägte Höhe der alten Gebäude entlang der Decumani: Weil es im Mittelalter streng verboten war, die Stadt nach außen zu erweitern, musste man bestehende Tuffsteinbauten immer weiter nach oben aufstocken – so entstand eine einzigartige Schichtung über die Jahrhunderte.