In Bicocca, wo seit 1903 die Breda-Werke Lokomotiven und Eisenbahnwagen bauten, steht eine Industriehalle von fünfzehntausend Quadratmetern, die Pirelli 2004 in den größten Raum für zeitgenössische Kunst Europas verwandelt hat. Sie wurde nicht hübsch gemacht: Die Böden sind der rohe Beton der Fabrik, die Decken liegen zwanzig Meter hoch, und in der Haupthalle sieht man noch die Schienen, auf denen die Lokomotiven geprüft wurden. Die Ausstellungen sind groß, ehrgeizig und kostenlos: Marina Abramović, Bruce Nauman, Carsten Höller, Philippe Parreno, Anselm Kiefer. Hier zeigt Mailand, dass zeitgenössische Kunst keinen Palast braucht.
Sehenswertes
Die Sieben Himmlischen Paläste von Anselm Kiefer, die ständige Installation, die zur Eröffnung 2004 entstand und 2015 um fünf Leinwände erweitert wurde: sieben Türme aus Stahlbeton, bis zu achtzehn Meter hoch, aus übereinandergestapelten, schiefen Modulen gebaut, die zu fallen scheinen und doch nicht fallen, inspiriert von den Palästen des Buchs der Paläste, eines jüdischen mystischen Textes des fünften Jahrhunderts. Man geht im Dunkeln zwischen ihnen hindurch, und in den Türmen stecken Blei, verbrannte Bücher und die Zahlen der Sterne. Es ist eines der eindringlichsten Dinge, die man in Italien sehen kann, und es ist das ganze Jahr da.
Dann die Navate und der Shed, die zwei großen Räume der Wechselausstellungen, die zwei- oder dreimal im Jahr wechseln und fast immer monografisch sind, mit Künstlern, die im Maßstab der Halle arbeiten; im Garten davor die Sequenza von Fausto Melotti, von 1981. Es gibt eine Bar und einen Buchladen, und die Leute verbringen hier den Nachmittag. Der Eintritt ist frei: Das ist die Entscheidung, die diesen Ort zu dem gemacht hat, was er ist.
Der Besuch
Der Raum liegt in der Via Chiese in Bicocca, zwanzig Minuten vom Zentrum mit der Metro bis Ponale oder mit der Tram, dann fünf Minuten zu Fuß; Eintritt frei, geöffnet von Donnerstag bis Sonntag, mit langen Nachmittagszeiten und kostenlosen Führungen. Zwei Stunden. Das Viertel ringsum ist das der Universität Bicocca und des Arcimboldi-Theaters.
Tipp der Redaktion
Gehen Sie in Kiefers Paläste und bleiben Sie in der Mitte stehen, bis sich die Augen ans Dunkel gewöhnen: Dann sieht man die Bleibücher in den Türmen, die zerbrochenen Gläser, die von Hand geschriebenen Zahlen. Dann suchen Sie am Boden die Fabrikschienen und folgen ihnen mit dem Blick: Sie laufen unter den Türmen hindurch und draußen weiter, als könnten die Lokomotiven noch kommen.
