Das Bild, für das diese Kirche gebaut wurde, hängt in Madrid. Raffael lieferte es rechtzeitig zur Karwoche 1517 für den Hochaltar: die Kreuztragung Christi, überall Spasimo di Sicilia genannt, Maria, die einknickt, als der Sohn unter dem Kreuz zusammenbricht. Begonnen hatte der Bau 1509 mit einer Bulle Julius II., angestoßen vom palermitanischen Rechtsgelehrten Jacopo de Basilicò, der damit den letzten Willen seiner Frau Eulalia Rosolmini erfüllte. Die Kirche wurde fertig, das Kloster nie: Das Geld ging aus, und angesichts der türkischen Bedrohung wanderten die Steine in die Stadtmauern.
Sehenswertes
Das Mittelschiff hat kein Dach. Das Gewölbe stürzte Mitte des 18. Jahrhunderts ein, und niemand baute es wieder auf: Man betritt eine hohe, nackte Spätgotik spanischer Prägung, die Rippen der Apsiden noch an Ort und Stelle und über allem der offene Himmel. Der Maler Giovan Battista Carini hatte dieses Bild schon in einer Ansicht von 1836 festgehalten, als vom Boden nur Schutt übrig war.
Der Rest ist die Liste der anderen Leben desselben Baus. 1582 ließ Marcantonio Colonna hier den Aminta von Torquato Tasso aufführen: das erste öffentliche Theater der Stadt. Die Pest von 1624 machte daraus ein Seuchenlazarett, dann folgten Kornspeicher und Lagerhallen. Von 1886 bis 1985 war hier das Krankenhaus Umberto I., dessen Säle die Seitenschiffe auffraßen; eine der beiden Kuppelkapellen wurde abgerissen. Von Raffaels Tafel, 1661 an Philipp IV. von Spanien abgetreten, blieb hier nur die Erinnerung und in ganz Sizilien rund zwanzig alte Kopien. Den Marmoraltar, der sie rahmte, schuf Antonello Gagini.
Der Besuch
Wir sind in der Kalsa, einem der ältesten Viertel Palermos, wenige Gehminuten von der Piazza Marina und der Gancia entfernt: Die Via dello Spasimo endet vor dem Eingang. Nach dem Krieg zur Müllkippe verkommen, wurde der Komplex am 25. Juli 1995 mit Giovanni Sollimas Konzert Spasimo wiedereröffnet. Seit 1997 sitzen in den Räumen des früheren Krankenhauses die Stiftung The Brass Group, das Jazzmuseum und die Musikschule, während im Kirchenschiff Konzerte, Ausstellungen und Aufführungen stattfinden. Für das Schiff und die Räume ringsum reicht eine halbe Stunde, doch der Ort lädt zum Sitzenbleiben ein.
Tipp der Redaktion
Wir kommen gegen Sonnenuntergang, wenn das Licht schräg von oben einfällt und die Wände von Grau nach Ocker kippen, und schauen vorher in den Kalender der Brass Group: einen Kontrabass in einer Kirche ohne Dach zu hören, sagt mehr als jede Beschriftung. Wer den Kreis schließen will, sucht danach im Diözesanmuseum das Relief von Antonello Gagini mit derselben Szene.
