Die vier Ecktürme mit ihren Zinnen gibt es nicht mehr: Herzog Giuseppe Giordano ließ sie abtragen, weil er seinen Wohnsitz dem Geschmack des 18. Jahrhunderts anpassen wollte. Mit ihnen verschwand auch der Graben, von dem nur die Erinnerung geblieben ist. Gerade diese beiden Leerstellen erzählen das Gebäude besser als jede Fassade. Wer sie als Reste einer Burg des 15. Jahrhunderts liest, datiert den Bau in die zweite Hälfte jenes Jahrhunderts, als er den Lehnsherren gehörte, die vor den Giordano über Oratino geboten. Andere Historiker setzen die Gründung erst ans Ende des 18. Jahrhunderts, in die Zeit jener Familie also, die dem Haus den Namen gab.
Diese Familie kam als letzte, am Ende einer langen und alles andere als geradlinigen Reihe von Besitzern: Das Lehen Oratino blieb kaum je lange in denselben Händen. Die Giordano kauften es Antonio Vitaliano ab, dem vierten und letzten Herzog von Oratino, und wurden mit einem Diplom vom 10. August 1729 selbst zu Herzögen ernannt; das Königreich Italien bestätigte den Titel noch 1882. Dazwischen hatte das Erdbeben von 1805 dem Haus zugesetzt, und der nordöstliche Teil wurde von Grund auf neu errichtet.
Sehenswertes
Das Detail, nach dem man suchen sollte, sitzt über dem Hauptportal: ein Kreuzgewölbe aus dem Stein der Gegend, dessen Archivolte mit geschnitzten Akanthusblättern geschmückt ist. Das ist keine Nebensache in einem Dorf, das aus dem Stein ein Handwerk gemacht hat — Oratino ist für seine Steinmetztradition bekannt —, und hier lässt sich die Arbeit des Meißels aus der Nähe betrachten, auf Augenhöhe. Hinter der Durchfahrt öffnet sich der Innenhof, den ringsum ein Portikus fasst.
Tipp der Redaktion
Werfen Sie vor dem Weggehen einen Blick auf das Gemeindewappen, das die ganze Geschichte zusammenfasst: eine Ulme auf blauem Grund, das Zeichen der Giordano, darüber eine Mondsichel, die den Herzögen Vitaliano gehörte, flankiert von zwei silbernen achtstrahligen Sternen. Zwei Geschlechter und rund zwei Jahrhunderte Besitzwechsel, alles in einem einzigen Bild. Der Palast steht in der Altstadt, mit der Oratino zu den schönsten Dörfern Italiens zählt: Alles liegt zu Fuß beieinander, und Eile lohnt sich hier nicht.
