🏰 Burgen und Schlösser

torre di Oratino

📍 Oratino, Molise · 42/100

Die Tür berührt den Boden nicht. Sie öffnet sich ein gutes Stück über dem Erdreich, und man erreichte sie über eine Holzleiter, die beim ersten Alarm von innen eingezogen wurde: das eine Detail, das auf einen Schlag erklärt, wozu dieser quadratische Steinblock von rund 12 Metern Höhe diente. Im Inneren wurde eine Zisterne angelegt, denn ein abgelegener Posten muss ein paar Tage allein durchhalten; außen zählt man eine einzige Schießscharte und vier Fenster. Nichts Schmückendes, alles Zweck.

Der Turm ist das, was von einem normannischen Wachposten des 12. Jahrhunderts übrig blieb, gesetzt auf einen Felssporn, den die Urkunden zuerst Roccam de Principatu nennen und den heute alle nur die Rocca nennen. Die Normannen waren nicht die Ersten hier oben: darunter liegen Spuren einer Siedlung aus der Bronzezeit, daneben stehen samnitische Mauern in polygonalem Verband, von den Pentri ohne Mörtel gefügte Blöcke. Um den Turm lief einst ein Mauerring, und daneben lag der zugehörige mittelalterliche Ort; das Erdbeben von 1456 beschädigte beide.

Der Besuch

Man steigt zu Fuß aus dem alten Ortskern von Oratino hinauf, und der Aufstieg rechtfertigt sich von selbst: Aus der Nähe zählt das Mauerwerk weniger als die Stelle, auf die es gesetzt wurde. Von oben versteht man, warum die Normannen genau diesen Sporn wählten — das ganze Tal lässt sich überblicken, und wer heraufkam, war von weitem zu sehen. Und man versteht, warum im Catalogus Baronum um 1130 der Herr des Ortes Hugo de Rocca hieß, Hugo vom Felsen, benannt nach seinem eigenen Stein.

Tipp der Redaktion

Sehen Sie sich die unteren Mauern an, die wie bloßes Geröll wirken: Es sind die polygonalen Blöcke der Samniten, und sie sind der direkteste Weg, die Jahrhunderte zwischen zwei übereinandergesetzten Befestigungen zu messen. Ein Fernglas hilft, denn vom Kamm aus behält die Rocca das ganze Tal im Auge, und der Ort selbst — eines der schönsten Dörfer Italiens, mit seiner Steinmetztradition — liest sich von oben wie ein Grundriss.

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