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viadotto Polcevera

📍 Genova, Ligurien · 72/100

Am 14. August 2018 gab bei einem Gewitter das ausbalancierte System von Pfeiler 9 nach, und mehr als zweihundert Meter Autobahn stürzten ins Tal: 43 Tote und 566 Menschen, die ihre Wohnungen unter den Pfeilern verloren. Das Polcevera-Viadukt, das in Genua alle Ponte Morandi nannten, war zwischen 1963 und 1967 nach einem Entwurf des Ingenieurs Riccardo Morandi gebaut worden und trug den letzten Abschnitt der Autobahn A10 über den Fluss und die Viertel Campi, Certosa und Rivarolo. Es hielt keine einundfünfzig Jahre. An seiner Stelle verläuft heute das von Renzo Piano entworfene Viadukt Genova San Giorgio.

Sehenswertes

Von der Brücke ist nichts geblieben: Der mechanische Rückbau begann im Februar 2019, am 28. Juni 2019 sprengte man die beiden verbliebenen Schrägseilpylone, und am 12. August 2019 fiel der letzte Pfeiler. Es war ein Bauwerk aus 11 Feldern, 1.102 Meter lang, mit einer 18 Meter breiten Fahrbahn in bis zu 45 Metern Höhe und drei 90 Meter hohen Betonpylonen. Das Feld zwischen den Pfeilern 10 und 11 maß 210 Meter: Bei der Eröffnung am 4. September 1967 im Beisein von Staatspräsident Giuseppe Saragat war es das längste Europas.

Morandis Handschrift waren die «homogenisierten» Schrägseile, ein eigenes Patent: Bündel aus 352 Stahllitzen, eingegossen in eine Hülle aus vorgespanntem Beton, die sie vor Korrosion schützen sollte und sie stattdessen dem Blick entzog. Schon in einem Bericht von 1979 schrieb der Ingenieur, früher oder später müsse jede Spur von Rost von der Bewehrung entfernt werden. Die öffentliche Ausschreibung war am 9. Juli 1959 erschienen; 1964 brachte La Domenica del Corriere die Brücke auf die Titelseite mit der Zeile «Genua löst das Verkehrsproblem», und die Stadt nannte sie Brooklyn Bridge.

Der Besuch

Es gibt keine Brücke zu besichtigen, es gibt eine Talsohle, die der Einsturz verändert hat. Unter dem neuen Viadukt Genova San Giorgio, am 3. August 2020 eingeweiht und tags darauf für den Verkehr freigegeben, entstand die Radura della Memoria, die den 43 Opfern gewidmete Grünfläche, erreichbar von den Straßen von Certosa. Von dort sieht man aus der Nähe die 19 Felder der neuen Brücke und das Tal, eingezwängt zwischen Wohnblöcken, Gleisen und Fluss: Diese Enge machte schon den ursprünglichen Entwurf schwierig, und sie ist geblieben.

Tipp der Redaktion

Man fährt hierher, um zu verstehen, nicht um zu fotografieren. Wir empfehlen, zu Fuß durch das Viertel zu kommen und erst durch die Häuser von Certosa zu gehen, bevor man zur Lichtung hinuntersteigt: Die Brücke war kein fernes Bauwerk im freien Land, sie führte über Dächer, Höfe und Werkstätten eines Arbeiterviertels, und das erklärt alles Weitere. Jedes Jahr am 14. August hält das Tal für die Gedenkfeier inne.

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