1920 mietete Aleister Crowley vom Baron Carlo La Calce ein niedriges Haus außerhalb von Cefalù, die Villa Santa Barbara, und nannte es Abtei Thelema. Der Name stammt von Rabelais und dessen abbaye de Thélème aus Gargantua und Pantagruel, einer Anti-Abtei ohne Gesetze und Regeln, in der allein der Wille der Bewohner gilt; die Regel hier war das Buch des Gesetzes, das Crowley 1904 in Kairo empfangen haben wollte. Mit Leah Hirsig machte er daraus das Collegium ad Spiritum Sanctum, Schule und Weltzentrum seiner Religion, die keine sein wollte, und versammelte hier internationale Schüler des Ordens, den er 1907 gegründet hatte.
Sehenswertes
Geblieben ist ein flacher Bau mit einsturzgefährdetem Dach und Brombeeren in den Zimmern. Die Wände waren mit Crowleys Malereien bedeckt, so drastisch, dass sie nach seiner Abreise übertüncht wurden; die einzige vollständige Dokumentation sind die Aufnahmen von Fosco Maraini aus den frühen fünfziger Jahren, als der kalifornische Regisseur Kenneth Anger drei Sommermonate hier verbrachte, zusammen mit dem Sexualforscher Alfred Kinsey, und den Kalk abkratzte, bis Schriftzüge und Figuren wieder sichtbar wurden. Sein Film Thelema Abbey von 1955 gilt als verschollen. 2005 fotografierte der dänische Künstler Joachim Koester die Räume erneut für die Serie Morning of the Magicians.
Was hier geschah, steht in den Tagebüchern, die alle Bewohner führen mussten: Sonnenanbetungen viermal täglich, Yoga, Rituale, Hausarbeit und der systematische Gebrauch von Drogen. Die amerikanische Schauspielerin Jane Wolfe blieb drei Jahre unter dem Namen Soror Estai; ihre Hefte erschienen später als Cefalu Diaries. Das Ende kam 1923 mit dem Tod von Raoul Loveday, einem 23-jährigen Studenten aus Oxford: Seine Frau Betty May gab einem Ritual mit dem Blut einer Katze die Schuld, Biografen halten ein Fieber für wahrscheinlicher, das er sich an einer Bergquelle holte, vor deren Wasser Crowley gewarnt hatte. Ihr Interview mit dem Sunday Express und die Ausweisung durch die Regierung erledigten den Rest; die Frauen der Gruppe verkauften die Möbel an die Leute im Ort, um Schulden und die Heimreise zu bezahlen.
Der Besuch
Zu besichtigen gibt es nichts: Das Haus ist privat, baufällig und unbewacht, ohne Ticket, ohne Öffnungszeiten, ohne Hinweisschild, das Innere ist gesperrt. Im Dezember 1990 stellte die Region den Bau auf Antrag der Gemeinde unter Schutz, der Gemeinderat hat den Ankauf für ein Museum mehrfach diskutiert; eine internationale Tagung 1997, Un mago a Cefalù, versuchte die Sache wieder in Gang zu bringen, und 2010 stand die Immobilie kurz und erfolglos zum Verkauf. Wer hinaufgeht, sieht eine Außenmauer und leere Fenster, mehr nicht: Der eigentliche Besuch ist die Geschichte, nicht das Gebäude.
Tipp der Redaktion
Lesen Sie vorher. Sciascia hat daraus Apocrifi sul caso Crowley gemacht, in Il mare color del vino von 1974; Vincenzo Consolo streift die Sache in Nottetempo, casa per casa, Premio Strega 1992; Giuseppe Quatriglio erzählt sie in Il diavolo a Cefalù. Gehen Sie dann in der Dämmerung hinauf, bleiben Sie außerhalb des Zauns und heben Sie sich den normannischen Dom und das Museo Mandralisca für den nächsten Morgen auf: Der Kontrast zwischen den beiden Cefalù ist der beste Grund für diesen Umweg.
