Der erste Architekt des Theaters, Damokopos, bekam den Beinamen Myrilla, weil er zur Einweihung duftende Salben ausstreuen ließ; der Mimendichter Sophron berichtet davon am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Über diese in die Flanke des Temenite-Hügels geschlagenen Ränge lief die Geschichte der Stadt: Aischylos brachte hier 470 v. Chr. Die Ätnerinnen heraus, Diodor überliefert, dass Dionysios 406 v. Chr. in Syrakus eintraf, während das Volk gerade das Theater verließ, und Plutarch, dass 355 v. Chr. ein wütender Stier während einer Volksversammlung hereinbrach. Man kam nicht nur wegen der Tragödien hierher, man kam zum Abstimmen.
Sehenswertes
Was heute steht, stammt vom hellenistischen Umbau nach 238 v. Chr. und sicher vor dem Tod Hierons II. im Jahr 215 v. Chr. Die Cavea misst 138,60 Meter im Durchmesser, eine der größten der griechischen Welt, und zählte 67 Sitzreihen, überwiegend aus dem gewachsenen Fels geschlagen und durch Treppen in neun Keile geteilt; mit den heute verschwundenen oberen Reihen fasste sie rund 15.000 Zuschauer. Auf halber Höhe läuft der Rundgang, und darauf stehen noch die Namen, die den Keilen ihren Titel gaben: Zeus Olympios, Herakles, Hieron II. selbst, seine Frau Philistis, die Schwiegertochter Nereis und der Sohn Gelon II.
Vom Bühnenhaus sind nur die Einschnitte im Fels geblieben. Unter der Orchestra verläuft ein Gang mit einer Treppe zur Bühne, versuchsweise als Charons-Treppe gedeutet, durch die Schauspieler verschwanden und wieder auftauchten; auch die Grube für den Vorhang ist zu erkennen, der im antiken Theater nicht herabfiel, sondern von unten hochgezogen wurde. Die Römer machten die Cavea halbrund und weiteten die Orchestra auf 21,40 Meter; in der Spätantike richteten sie sie für Wasserspiele her. Oberhalb der Ränge liegt eine in den Fels gehauene Terrasse mit der Nymphäumsgrotte, die das griechische Aquädukt speiste, vielleicht das Heiligtum der Musen, und der eingetiefte Weg via dei Sepolcri. Das Steinhäuschen ganz oben ist der Rest der Mühlen, die im 16. Jahrhundert auf der Cavea standen. Die fehlenden Quader stecken in Ortigia: Ab 1526 schleppten die Spanier Karls V. sie zu den Festungswerken.
Der Besuch
Das Theater liegt im Archäologischen Park Neapolis; das Ticket schließt die Latomia del Paradiso mit dem Ohr des Dionysios, den monumentalen Altar Hierons II. und das römische Amphitheater ein. Für das Theater allein reicht eine Stunde, für den ganzen Park braucht man mindestens drei. Von Mai bis Juli stehen Bühne und Holztribünen der Aufführungen antiker Dramen auf der Cavea, verdecken den Stein und verkürzen den Rundgang: Wer das Monument nackt sehen will, kommt im Herbst oder Winter. Schatten gibt es fast keinen, also geht man zur Öffnung oder am späten Nachmittag hin, mit Wasser und Hut. Die Karyatide vom Bühnenschmuck steht im Archäologischen Museum Paolo Orsi auf der anderen Seite der Neapolis.
Tipp der Redaktion
Wer in der Saison da ist, nimmt eine Karte für eine Tragödie: Das INDA spielt sie hier seit 1914, immer bei Sonnenuntergang und ohne Verstärkung, weil die Akustik des Felsschnitts noch heute trägt. Wir empfehlen die mittleren Plätze weit oben, wo die Stimmen am besten ankommen und hinter der Bühne der Hafen auftaucht, dazu ein Sitzkissen: Nach zwei Stunden spürt man das Holz. Außerhalb der Saison steigen wir in der letzten Nachmittagsstunde über die via dei Sepolcri zur Terrasse hinauf; von dort begreift man mit einem Blick, warum die Griechen genau diesen Hang wählten.
