Bevor Enea Silvio Piccolomini seinen Geburtsort Corsignano in das Pienza der Renaissance verwandelte, besaß die Gemeinde längst ihre Mutterkirche: die Pieve dei Santi Vito e Modesto, ein romanischer Bau größtenteils aus dem 12. Jahrhundert, der knapp außerhalb der heutigen Ortschaft steht. An ihrem völlig schmucklosen Taufbecken wurden zwei künftige Päpste getauft: Pius II. selbst und sein Neffe Pius III.
Der zylindrische Glockenturm, von Ravenna beeinflusst, ist noch älter als die Kirche: Er stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist das Erste, was du bei der Ankunft erkennst.
Sehenswertes
Die Fassade bündelt den ganzen Skulpturenschmuck des Baus: ein leicht vorspringendes Portal mit zwei Säulchen in der Laibung, auf denen ein zickzackverzierter Bogen ruht, der einen zweiten mit Pflanzenmotiven umschließt; darüber öffnet sich ein Zweibogenfenster, dessen Mittelstütze eine weibliche Figur bildet, mit einem Kämpferkapitell. An der rechten Seite liegt ein zweites Portal, einfacher gearbeitet, aber dicht verziert: Auf dem Sturz sind die Reise der Heiligen Drei Könige und die Geburt Christi eingemeißelt.
Das Innere hat drei Schiffe, getrennt durch viereckige Pfeiler — die Arkaden rechts gehören einer späteren Phase an —, und der Abschluss ist heute ohne Apsiden; unter dem rechten Seitenschiff hat sich eine kleine Krypta mit Apsis erhalten.
Der Besuch
Die Pieve erreichst du vom Zentrum Pienzas mit einem kurzen Spaziergang vor die Stadtmauer, bergab. Ein Hinweis, bevor du hineingehst: Der rustikale Eindruck, der vor allem im Inneren auffällt, ist nicht das Ergebnis von neun unangetasteten Jahrhunderten, sondern einer Restaurierung von 1925, die den Bau auf diese nackte Steinsubstanz zurückgeführt hat.
Tipp der Redaktion
Nimm dir ein paar Minuten mehr für den Sturz des Seitenportals, wo sich der Zug der Heiligen Drei Könige und die Geburt Christi wie eine in Stein gehauene Erzählung lesen, und für die weibliche Figur des Zweibogenfensters, ein Einfall, den man nicht mehr vergisst. Kehre dann mit einem Gedanken auf die Piazza Pio II zurück: Der Papst, der die «ideale Stadt» wollte, wurde genau hier getauft, an diesem Becken ohne jeden Zierrat. Die Viertelstunde Weg zwischen Pieve und Piazza misst genau den Abstand zwischen dem ländlichen Mittelalter von Corsignano und der Renaissance von Pienza.
