⛪ Kirchen und Heiligtümer

tempio di Minerva

📍 Assisi, Umbrien · 65/100

Goethe, der am fünfundzwanzigsten Oktober 1786 in Assisi ankam, wollte die Basilika des heiligen Franziskus nicht sehen: Er machte, wie er sagte, einen Bogen um die babylonischen Bauten und ging geradewegs zur Piazza del Comune, um sich diesen Tempel anzusehen. Es war die erste vollständige römische Architektur, die er in Italien sah, und er beschrieb sie als etwas Vollkommenes. Erbaut wurde er um 30 vor Christus von zwei Magistraten Asisiums, Gnaeus Cestius und Titus Caesius Priscus, die ihn aus eigener Tasche bezahlten; wir nennen ihn Minervatempel wegen einer hier gefundenen Statue, doch eine Inschrift sagt, er sei dem Herkules geweiht gewesen. Im Mittelalter war er Kirche, dann Gefängnis und Ratssaal; 1539 ließ Papst Paul III. eine Marienkirche hineinbauen, und von außen merkt es niemand.

Sehenswertes

Die Fassade, die alles ist: sechs kannelierte korinthische Säulen auf hohen quadratischen Sockeln, die die Treppe unterbrechen, eine seltene Lösung, die dazu diente, den Tempel über das Forum zu heben; darüber das Gebälk mit dem Fries, in dem die Löcher im Stein von den Bronzebuchstaben der Inschrift stammen, wer weiß wann abgenommen, und der im Verhältnis kleine Giebel. Er ist einer der besterhaltenen römischen Tempel überhaupt und steht mitten auf einem Platz, auf dem die Leute Kaffee trinken.

Innen ist die Überraschung, dass nichts Römisches da ist: Die Cella wurde im sechzehnten Jahrhundert für die Kirche abgerissen, und was man sieht, ist ein weiß-goldener Barock des siebzehnten, mit Stuck und Scheinsäulen. Nahe dem Altar wurde jedoch ein Stück der antiken Mauer mit einem zugemauerten Bogen wieder geöffnet, und darunter sieht man Teile des römischen Bodens. Neben dem Tempel der Turm des Volkes, hoch und streng, zugleich Glockenturm und Stadtturm, mit der Glocke der Laudes, die zu großen Anlässen läutet.

Der Besuch

Der Tempel steht an der Piazza del Comune, dem genauen Zentrum Assisis, fünf Minuten von der Basilika Santa Chiara und zehn von San Francesco; Eintritt frei zu Kirchenzeiten. Zehn Minuten drinnen, doch die Fassade sollte man von den Tischen des Platzes aus betrachten, sitzend, wie Goethe es tat.

Tipp der Redaktion

Suchen Sie die Löcher im Fries über den Säulen: Dort saßen die Bronzebuchstaben mit den Namen der zwei Magistrate, die den Tempel bezahlten, und jemand hat sie zum Einschmelzen abgerissen. Seit zweitausend Jahren fehlt diese Inschrift, und man liest noch ihren Schatten. Dann treten Sie ein und sehen, wie eng der Raum ist: Drinnen war die Cella eines Gottes, und daraus wurde eine Kirche, die kaum hineinpasst.

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