Sie ist die vierte Brücke über den Canal Grande, die erste seit siebzig Jahren gebaute, und die Venezianer nennen sie nach dem Architekten und nicht nach ihrem Namen: Calatrava-Brücke. Nachts eröffnet, am elften September 2008, ohne Zeremonie, um Proteste zu vermeiden, verbindet sie den Piazzale Roma mit dem Bahnhof Santa Lucia in einer einzigen Spannweite von einundachtzig Metern aus Stahl, Glas und istrischem Stein, gebogen wie ein über dem Wasser gespannter Bogen. Bürgermeister Massimo Cacciari benannte sie nach der italienischen Verfassung, deren sechzigster Jahrestag gefeiert wurde; zuvor hatte er daran gedacht, sie Brücke der Zirada zu nennen, nach dem venezianischen Wort für die Kanalbiegung, die genau hier beginnt. Keiner der Namen hat sich durchgesetzt.
Sehenswertes
Die Brücke selbst, im Überqueren: vierundneunzig Meter Stufen aus Glas und Trachyt, die durchsichtigen Brüstungen mit Messinghandläufen und die LEDs, die das Glas von innen erhellen, die niedrige, breite Silhouette, die zur Mitte hin ausschwingt. Abends, mit dem Licht, wirkt sie schwebend. Und der Blick, den keine andere Brücke bietet: Von hier beginnt der Canal Grande, biegt ab und verschwindet zwischen den Palästen, und im Rücken liegen Bahnhof und Busse.
Sie ist auch die umstrittenste Brücke Italiens: weit teurer als geplant, Jahre zu spät, vom Rechnungshof und von den Venezianern kritisiert wegen der rutschigen Stufen und wegen einer Kabine für Rollstuhlfahrer, die nie funktionierte und abgebaut wurde. Die Glasstufen brachen und wurden durch istrischen Stein ersetzt; für Menschen im Rollstuhl bleibt das Vaporetto. Es ist der Fall eines im Entwurf schönen Werks, das jene übersah, die es benutzen müssen, und Venedig hat ihm das nicht verziehen.
Der Besuch
Die Brücke verbindet den Piazzale Roma, wo Autos und Busse ankommen, mit dem Bahnhof Santa Lucia und wird immer überquert, kostenlos: Sie ist das Eingangstor für alle, die Venedig über Land erreichen. Fünf Minuten. Mit Gepäck sind die Stufen mühsam; wenn Sie welches haben, nehmen Sie das Vaporetto oder den People Mover zum Tronchetto.
Tipp der Redaktion
Bleiben Sie in der Mitte stehen und schauen Sie zum Canal Grande, wo er sich biegt: Von dort versteht man, warum die Venezianer sie Brücke der Zirada nennen wollten und warum an dieser Stelle wirklich eine Brücke fehlte. Und wenn es regnet, gehen Sie langsam: Nasses Glas rutscht, und kein Schild sagt es.
