Santo Stefano di Cadore

Provinz: Belluno · Region: Venetien · Einwohner: 2.663 · PLZ: 32045

Santo Stefano liegt dort, wo der Padola in den Piave mündet — der Zusammenfluss liegt mitten im Ort — und ist der Hauptort des Comelico. Darüber steht der Monte Col, und der Monte Col tut dem Ort etwas Sonderbares an: an den kürzesten Tagen des Jahres hält er ihn im Schatten, sodass der Ortskern, zwischen der wenigen Sonne und der Temperaturumkehr, kälter ausfallen kann als die Ortsteile, die höher am Berg liegen, aber das Licht bekommen. Im Winter geht es bis zwanzig Grad unter null. Hier herauf sind die Leute gekommen, um sicher zu sein. Die ersten Bewohner dieser Täler waren wohl Flüchtende, und die Quellen geben mehr als eine Version und geben zu, dass sie nicht entscheiden können: die eine sagt, der Hauptzustrom sei aus dem Pustertal gekommen, nachdem 565 die Bajuwaren jenes Tal besetzten — wer nicht getötet wurde und sich nicht unterwarf, ging in die unbewohnten Täler von Comelico, Gröden, Badia und Livinallongo, die ladinischen Täler; die andere sagt, das obere Comelico sei von Familien aus der vicinìa von Domegge besiedelt worden und der östliche Teil, also dieser, von Leuten von jenseits des Piave. Hier spricht man noch Ladinisch, und auf Ladinisch heißt der Ort Sa Stefi.

Im Jahr 1077 trat Kaiser Heinrich IV. dem Patriarchen von Aquileia die Grafschaft Friaul ab, und von da an hielten die Patriarchen das Cadore und gaben es ihren Vasallen zu Afterlehen — darunter den Caminesi — bis 1420, als Venedig an ihre Stelle trat. Der Handel, den die Serenissima hier schloss, ist ganz zu lesen wert: sie erkannte den Cadorinern die gesetzgeberische und verwaltungsmäßige Selbständigkeit zu, erkannte an, dass Wälder und Weiden ihnen gehörten, ließ ihnen den unentgeltlichen Gebrauch der Gewässer und befreite das Eigentum von Abgaben und Steuern. Dafür nahm sie das Holz. Der Handel blühte: die Bäume des Cadore fuhren auf Flößen den Piave hinunter bis Venedig, wo sie zu Schiffen und zu Bauten der Lagune wurden. Das währte bis 1797. Als das Veneto 1866 Italien angegliedert wurde, hieß diese Gemeinde nicht Santo Stefano, sondern Comelico Inferiore. Und 1915 fand sich der Ort dicht hinter der Frontlinie wieder, die über den Kreuzbergpass, die westliche Karnische Kette und die Sextner Dolomiten lief.

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