In Venedig, in einem Winkel von Cannaregio, in dem Touristen sich zufällig verirren, steht eine Kirche, die wie ein Marmorkästchen auf dem Wasser eines Kanals wirkt: Pietro Lombardo baute sie mit seinen Söhnen Tullio und Antonio zwischen 1481 und 1489, um eine kleine, auf Holz gemalte Madonna zu bergen, die an der Ecke des Hauses eines Seidenhändlers stand und der das Viertel Wunder zuschrieb. Es war eine der ersten Renaissancekirchen der Stadt, und Lombardo verkleidete sie innen und außen mit Platten aus farbigem Marmor, Pavonazzetto, Serpentin, Porphyr, istrischem Stein, wie man es mit Reliquiaren tat. Sie ist winzig, und die Venezianer heiraten darin.
Sehenswertes
Die Fassade, von den zwei kleinen Plätzen an ihren Enden: zwei gegenüber der Regel vertauschte Ordnungen, korinthisch unten und ionisch oben, fünf Blendbögen, der halbrunde Giebel mit Rosette und Marmorkreisen und die vielfarbigen Felder, in Kreuzen, Sternen und Rädern gesetzt wie eine Intarsie. Die Seite am Kanal, die sich im Wasser spiegelt, ist der Anblick, den alle von der Brücke fotografieren. Über dem Portal die Büste der Madonna mit Kind von Giovanni Giorgio Lascaris, von 1480.
Innen das einzige Schiff mit vergoldetem Tonnengewölbe, in fünfzig Felder mit gemalten Propheten und Patriarchen geteilt; am Ende die steile Treppe zum erhöhten Chor, mit den Statuen des heiligen Franziskus und der heiligen Klara und der Verkündigung, den zwei polygonalen Kanzeln, dem Kreuz aus Porphyrscheiben an der Wand. Doch zu suchen sind die Sockel der Säulen des Triumphbogens, von Tullio und Antonio Lombardo gemeißelt: Tritonen und Meerjungfrauen mit Fischschwänzen, Flügeln und pflanzenartigen Beinen, von Putten geritten; links zappeln sie, rechts sind sie ruhig und geflügelt, und man hat es als das Ende der heidnischen Welt und ihre Wiedergeburt in der christlichen gelesen. Auf dem Altar die kleine wundertätige Madonna auf rotem Grund, die der Grund für alles ist.
Der Besuch
Die Kirche liegt am Campo dei Miracoli, zehn Minuten vom Rialto Richtung Santi Giovanni e Paolo, in einem Gassengewirr; sie gehört zum Chorus-Verbund, mit eigenem oder Sammelticket für die Kirchen Venedigs, sonntagvormittags geschlossen und mit kurzen Zeiten. Eine Viertelstunde, doch das Doppelte wert, wenn man sich setzt. Es ist die von den Venezianern für Hochzeiten meistgewünschte Kirche: Es kann sein, dass sie belegt ist.
Tipp der Redaktion
Betrachten Sie sie zuerst von außen, von der Brücke über den Kanal, wenn das Morgenlicht die Marmorflanke trifft und das Wasser sie verdoppelt: Deshalb nennen die Venezianer sie die Schmuckschatulle. Dann treten Sie ein und gehen gleich zu den Sockeln des Bogens, unten links: Diese geflügelten Meerjungfrauen sind die seltsamste Skulptur der venezianischen Renaissance, und fast niemand bückt sich, um sie anzusehen.
