Jahrhundertelang glaubte jeder, der zur Spitze der Domfassade von Acerenza hinaufsah, dort oben den heiligen Canio von Atella zu erkennen, den Patron des Bistums. Die Marmorbüste war in Wahrheit ein Bildnis des Flavius Claudius Julianus, jenes Kaisers, den die Christen den Apostaten nannten. An ihrer Stelle steht heute auf dem Giebel ein Marmorkreuz jüngeren Datums, und die Büste ist ein paar Meter tiefer gerückt: Sie steht hier, im Diözesanmuseum für sakrale Kunst, dem Dommuseum von Acerenza. Untergebracht ist es im alten Priesterseminar, das Erzbischof Michele Scandiffio in seinen siebzehn Jahren in Acerenza, von 1988 bis 2005, zum Museum umbauen ließ.
Sehenswertes
Wegen dieser Büste kommt man her: dem Marmorbildnis des Flavius Claudius Julianus. Der Verwechslung verdankt das Stück vermutlich sein Überleben, denn solange man es für den Bistumspatron hielt, hatte niemand einen Grund, es anzurühren, und es konnte am höchsten und ungeschütztesten Punkt einer 1080 geweihten Kirche bleiben.
Ringsum liegt die Sammlung des Bistums, und es lohnt sich zu wissen, um welches Bistum es geht. In Acerenza ist spätestens seit 499 ein Bischof belegt, seit 1068 ist der Sitz erzbischöflich: Die sakrale Kunst in diesen Räumen stammt aus einer Kirche, die seit fast tausend Jahren sammelt, in einem Ort mit heute gut zweitausend Einwohnern. Genau dieses Missverhältnis zwischen historischem Gewicht und Ortsgröße macht das Museum interessant.
Der Besuch
Ein eigenes Portal am Platz gibt es nicht. Man betritt das Museum durch die kleine Tür an der linken Seite der Domfassade, überwölbt von einem Rundbogen und über die Jahrhunderte stark verändert: Sie führt heute ins Museum. Behandeln Sie Dom und Museum daher als einen einzigen Besuch und fragen Sie vorher im Dom nach, bevor Sie davorstehen. Wer nur auf dem Platz vor der Fassade steht, findet den Weg hinein sonst leicht nicht.
Tipp der Redaktion
Bleiben Sie vor dem Eintreten ein paar Minuten vor der Fassade stehen und suchen Sie oben das Marmorkreuz: Es steht genau dort, wo die Büste jahrhundertelang saß. Drinnen schauen Sie sie dann nicht frontal an. Treten Sie zur Seite, gehen Sie etwas in die Knie und blicken Sie von unten hinauf: Nur so sehen Sie sie, wie die Einwohner von Acerenza sie vom Platz aus sahen, verkürzt und im Gegenlicht, bevor sie in einen Saal herabstieg.
