Im Mai 1871 wählte Charles Garnier ein Grundstück oberhalb der Arziglia in Bordighera und bot der Gemeinde dafür 6000 Lire, dazu den kostenlosen Entwurf einer neuen Schule: Knabenabteilung, Mädchenabteilung und Kindergarten. Auf dem Grundstück stand nämlich eine alte, entweihte Sebastianskapelle, die als Knabenschule diente, und vor diesem Angebot sagte der Gemeinderat zu. Der Architekt der Pariser Oper war an der Riviera, weil seine Baustelle wegen des Krieges gegen Preußen und der Commune stillstand; er hatte sich in Menton niedergelassen, der Heimatstadt seiner Frau Louise Bary. 1873 war die Villa fertig, den ersten Winter verbrachte die Familie hier aber erst im Januar 1875.
Sehenswertes
Von weitem erkennt man den Turm, schmal wie ein Minarett: die einzige erhaltene Vorzeichnung sah maurische Bögen vor, die nie ausgeführt wurden, die Proportionen aber blieben. Garnier nannte ihn Mon mirador, wegen der Aussicht. Im Inneren verbindet eine Holztreppe die drei Geschosse; aus Sparsamkeit in Paris bestellt, kostete sie am Ende mit Fracht und Zoll 1000 Scudi, bei 75.000 für das ganze Haus. Die heute verglaste Eingangsloggia bewahrt Fresken und Karikaturen, die seine Malerfreunde hinterließen: Meissonier, Boulanger, Lenepveu, Bida, Clairin. Der vergitterte Gang, von den Hausherren Cage aux lions genannt, ist heute eine Kapelle und trägt das Fresko der Villa, wie sie im 19. Jahrhundert aussah.
Nebengebäude gab es reichlich: Garnier kaufte Grundstücke und Häuser ringsum in 29 Kaufakten. Villa Negro, 1877 erworben, wurde auf Rat des Hausarztes zum Hammam mit Calidarium, Tepidarium und einem nur 50 cm tiefen Wasserbecken für den Spiegeleffekt. Villa Studio, in der heutigen Via Garnier 22, war als einzige ganz neu gebaut: 1884, als sich der Gesundheitszustand des Sohnes Christian verschlechterte, überließ ihm der Vater sein Atelier und richtete sich ein neues ein. Als Garnier im August 1898 starb und kurz darauf auch Christian, brachte es die Witwe Louise nicht über sich zurückzukehren: Sie ließ das Haus unangetastet und zog in die Villa Amica.
Der Besuch
Die Adresse lautet Via Charles Garnier, außerhalb der alten Mauern, am Hang hinunter zum Fischerstrand der Arziglia; die Villa und die Villa Amica stehen unter Denkmalschutz. Louise vermachte das Haus der Pariser Société de Géographie samt Mobiliar, Büchern und 200.000 Franc für den Unterhalt, unter der Bedingung, dass es nie verkauft werde: 1929 wurde es trotzdem verkauft, an den amerikanischen Kunstkritiker John Hemming Fry. Danach ging es an das Bistum Ventimiglia und seit 1954 an die Josephsschwestern von Aosta, die es als Gästehaus führen. Ein Museum mit Kasse ist das nicht: Wer die Innenräume sehen will, fragt besser vorher an.
Tipp der Redaktion
Wir empfehlen eine gute halbe Stunde die Via Garnier hinauf, mit Blick auf die Hausnummern: Nummer 2 ist die Villa Amica, 22 die Villa Studio, 42 die Villa Modesta. Auf wenigen hundert Metern setzt sich die kleine Kolonie zusammen, die sich der Architekt um sich herum gebaut hat. Danach steigt man zur Pineta del Capo hinauf, wo Hemming Fry am 28. April 1935 ein Denkmal für Garnier errichten ließ: Von dort versteht man, warum ein Mann, dem Paris zu Füßen lag, sich diesen Küstenabschnitt aussuchte.
