Acht Monate im Jahr steht die Kirche hier oben ohne ihre Statue da. Die hölzerne Madonna mit Kind, wohl eine Arbeit des 19. Jahrhunderts, wird am ersten Juniwochenende zum Heiligtum hinaufgetragen und am zweiten Septemberwochenende wieder hinunter, auf Schultern, über die 18 Kilometer, die sie von San Severino Lucano trennen. Das Heiligtum Maria Santissima del Pollino liegt auf 1537 Metern, im Ortsteil Mezzana, auf einem Felssporn steil über dem Tal des Frido. Die mündlich überlieferten Fassungen seiner Entstehung widersprechen einander, nur in einem Punkt nicht: Anfang des 18. Jahrhunderts soll die Madonna auf dem Pollino Hirten erschienen sein.
Sehenswertes
Die von den Pfarrern Prospero Cirigliano 1929 und Camillo Perrone 1966 aufgeschriebene Fassung erzählt von zwei Schwägerinnen, Rosa Maria und Vittoria, die nach der Erscheinung auf den Berg stiegen. Unterwegs bekamen sie Durst, baten die Madonna um Hilfe und sahen kurz darauf neben einem Höhleneingang Wasser hervorsprudeln; drinnen, unter Erde und Steinen verborgen, fanden sie eine Truhe mit einer in ein Tuch gewickelten Statue der Jungfrau mit Kind, vermutlich östlicher oder byzantinischer Arbeit. Zu Hause angekommen, war der unheilbar kranke Mann von Rosa Maria geheilt. Eine andere Fassung spricht von einer Hirtin und einem Brief an den Klerus, eine dritte, die man in Terranova di Pollino erzählt, von Hirten, die sich an der Höhle trafen, um die Weiden aufzuteilen.
Der Hauptbau ist eine dreischiffige Kirche in kaum romanischer Sprache, daneben stehen das Pilgerhaus und die Unterkünfte des diözesanen Personals. Die verehrte Statue zeigt die gekrönte Jungfrau in altrosa Tunika und goldenem Mantel: in der Rechten eine purpurne Rose, in der Linken das gekrönte Kind mit dem Reichsapfel, dazu zwei Putten. Der Mantel, an den die Gläubigen Geld und Schmuck als Gaben hefteten, wurde bei einer umstrittenen Restaurierung entfernt. Ein Stück weiter hebt seit 2009 eine bronzene Madonna von rund 2,2 Metern Höhe das Kind über das Tal; modelliert hat sie die niederländische Bildhauerin Daphné Du Barry.
Der Besuch
Man kommt mit dem Auto herauf: Die Fahrstraße stammt von 1975 und hat den alten Saumpfad ersetzt. Wichtig vor der Abfahrt: Die Holzstatue wird nur von Juni bis September in der Kirche verwahrt. Drei Termine prägen das Jahr: der Aufstieg am ersten Juniwochenende, mit der Sonntagsmesse um 6:00 und der Ankunft am Heiligtum am Nachmittag; das Patronatsfest am ersten Freitag, Samstag und Sonntag im Juli; und der Abstieg am Wochenende der zweiten Septemberwoche.
Tipp der Redaktion
Wer mit der Juniprozession hinaufgeht, sollte die Frauen im Blick behalten, die die cinte auf dem Kopf balancieren, jene Bündel aus Getreidehalmen und Kerzen, die hier als Votivgaben gelten: Wenn die Musikanten sie zur Tarantella auffordern, sehen Sie genau den Ritus, den die Anthropologin Annabella Rossi 1968 vollständig aufgezeichnet hat. Und suchen Sie vor dem Eintreten den Ahorn mit dem halb hohlen Stamm, wenige Meter links der Fassade: Er soll tausend Jahre alt sein.
