Canicattì ist die Hauptstadt der Italia-Traube: Die Rebentafel ringsum bringt die Tafeltrauben hervor, die von hier auf die Märkte Europas gehen, und am Ende des Sommers lebt die Stadt von der Lese. Vor den Trauben waren es die Mandelbäume. Die eigentliche Stadt entsteht aus einer Erlaubnis: Im fünfzehnten Jahrhundert erhielt der Lehnsherr vom König von Aragón die licentia populandi, also die Befugnis, die Grenzen zu erweitern, Leute anzusiedeln und Recht zu sprechen. Dann kamen die Bonanno — Barone, dann Herzöge, schließlich Fürsten della Cattolica —, die hier Paläste und Brunnen bauten und die Stadt bis ins neunzehnte Jahrhundert hielten. Von der Felsenburg, die die Araber zum Kastell, die Normannen zur Burg und die Lehnsherren zum Palast machten, blieben Ruinen am Largo Castello; die Waffensammlung, die darin lag und in ganz Sizilien berühmt war, befindet sich heute in Capodimonte, in Neapel.
Das Unwahrscheinlichste an Canicattì aber ist die Accademia del Parnaso, gegründet 1922: eine Gesellschaft, die die Macht in Versen verspottete und deren Gründer ein Wirt waren, der seine Gedichte in der eigenen Schenke vortrug, ein Faschist, ein Philosoph, ein sozialistischer Apotheker, ein exzentrischer und weitgereister Baron, ein Anwalt, der in einem Prozess für seinen Mandanten ein psychiatrisches Gutachten verlangte, weil dieser ihn zum Verteidiger gewählt hatte, ein Dichter, ein Schneider und ein Getreidehändler. Zu ihren Mitgliedern zählten Pirandello, Marta Abba, Marinetti und Sciascia, und Adriano Tilgher nannte sie die kühnste satirische Akademie Italiens. Hier wurde 1952 Rosario Livatino geboren, der «Kinderrichter», 1990 von der Mafia ermordet und 2021 seliggesprochen: Er ruht in der Kirche Santa Chiara, und das Haus, in dem er aufwuchs, im Viale Regina Margherita, ist heute ein Museum. Der Uhrturm und das Teatro Sociale prägen die Mitte, zwischen Kirchen des achtzehnten Jahrhunderts und den Palästen der Familien des Getreides und des Weins.